Zum Inhalt

Jürgen A. Mosch Posts

Das zentrale Gut der deutschen Kultur – die Lösung ist so nah!

In verrauchten Eisenacher Bierstuben, schwäbischen Brotzeitkellern und nordrheinwestfälischen Plörrevernichtungsanlagen wurde wahrscheinlich des öfteren seit 45 über dieses unbedingt wichtige Thema für den kleinen und etwas größer als kleinen Geist diskutiert, doch seit dem aufkeimen des Bazillus AfD ist diese unbedingt wichtige Frage nun auch endlich wieder im Mainstream angekommen: Was ist eigentlich deutsche Kultur? Und noch viel wichtiger, wie schützt man diese? Glücklicherweise gibt es hierauf endlich erste Antworten.

Frau Özuguz bemerkte am 14. Mai (drei Monate also, bevor Gauland seine Kanalschleuse öffnete, um daraus dunkelbraune Altmännergülle in die Öffentlichkeit entweichen zu lassen und kurz nachdem Sam, der Adler aus der Muppetshow 1 von der deutschen Leitkultur schwafelte), dass „eine Kultur jenseits der Sprache schlicht nicht identifizierbar“ sei und weiterhin richtig bemerkte, dass, wenn man versuche, die deutsche Leitkultur inhaltlich zu füllen, „die Debatte ins Lächerliche und Absurde“ und in „Klischees vom Deutschsein“ abgleite. Explizit also in die reichlich lächerlichen Klischees, dass Deutschsein so etwas sei wie Handgeben, Oktoberfest oder Musik von Johann Sebastian Bach.

Ganz richtig bemerkte sie weiterhin, dass Kultur ständig im Wandel ist und es daher natürlich keine schriftlichen Anleitungen für kulturelles Handeln gibt. Ebenso, dass es sich beim Grundgesetz nicht um ein kulturelles, sondern ein politisches Leitbild handele, unter das man sich einzuleben habe. Es ging Özuguz also um einen Gesellschaftsvertrag, mit dem Fundament des Grundgesetzes und gleichberechtigter Teilhabe, statt einer mysteriösen Leitkultur, die mal eben in 15 lächerlichen Thesen auf – als Tageszeitung verbrämtem – Klopapier veröffentlicht werden kann.

Klingt doch erstmal ganz vernünftig. Aber was mit Vernunft zu tun hat – so viel kann man vielleicht sagen – das ist dem Deutschen erstmal nicht so geheuer und so fühlt sich dieser in seiner wurstfressenden, biersaufenden Eigentümlichkeit beleidigt. Der Rheinländer reklamiert, dass nur Deutscher ist, wer sich einmal im Jahr bescheuert anzieht und Abwasser trinkt. Beim Sachsen ist es der unerträgliche Dialekt, der deutsch machen soll, beim Bayern sein bierbräsiges in Maßkrüge glotzen und später kotzen. Bei Gauland bedeutet deutsche Kultur, Integrationsbeauftrage in Anatolien entsorgen zu wollen. Und Höcke…naja…der hätte wahrscheinlich einfach gern so eine schicke SS-Uniform. Keiner scheint auch nur annähernd eine schlüssige Definition für sein Deutschsein zu finden, an das sich der Migrant anpassen soll. Wenn schon, ist Deutschsein regional und wie viel der Bayer mit dem Sachsen zu tun haben will oder der Mecklenburger mit dem Schwaben, das bleibt der Phantasie des Lesers überlassen.

Theo Sommer, einer der wenigen, hat es dann aber ernsthaft in der FAZ versucht, eine Definition zu finden und schreibt:

Kultur ist mehr als Sprache, mehr auch als politische Kultur, Verfassungspatriotismus also und Grundgesetztreue. Sie ist ein Mosaik aus der Literatur, der Musik, der Kunst und der Philosophie eines Landes, das seinen gesamten geistigen und ästhetischen Raum umfasst. Auch der Glaube prägt – und selbst jene, die keine Glaubenschristen mehr sind, ob sie dies wahrhaben wollen oder nicht, noch immer Kulturchristen – bis hin zum Vaterunser am Grab. Dazu kommt der Alltagsraum von Empfinden und Benehmen, vom Bauen und Wohnen, auch von Essen und Trinken. Tradition und Geschichte überformen dies alles.

Keine schlechte Definition. Allerdings definiert man damit keine Leitkultur, unter die man sich zu fügen hat, um vielleicht irgendwann mal als Deutscher anerkannt zu werden (was unwahrscheinlich ist, denn die Kulturverteidiger, die einfach keine Fremden bei sich haben wollen, holen spätestens beim erfolgreich angepassten Migranten der 3. Generation das fehlende deutsche Blut als letztgültigen Nichtzugehörigkeitsgrund aus ihrer Gesinnungshandtasche). Die bessere Idee ist daher nach wie vor der Gesellschaftsvertrag. Eine Leitkultur ist offensichtlich „jenseits von Sprache“ KAUM zu identifizieren. Vor allem ist dies mehr als unnötig.

Dennoch zieht noch einmal Hoffnung auf, für die Kulturverletzten und – verlassenen, für die Freunde Deutschlands und des Deutschsseins. Die Lösung der ganzen Misere lag dabei so nahe, aber doch so fern. Sie befand sich die ganze Zeit direkt (zumindest manchmal) unter unserer Nase, dort, wo jedoch niemand gerne hinblickt (zumindest offiziell). Das zentrale deutsche Kulturgut befindet sich in einem Raum des Tabus, des Unausgesprochenen. Nur hinter verschlossenen Türen und mit grobschlächtigem Gelächter, wird sich darüber ausgetauscht. Nur mit äußerster Scham und gleichzeitigem absoluten Wissen über die kulturelle Geborgenheit, die sich in Gesprächen über dieses Gut immer und immer wieder wohlig ums Gebein schmiegt. Das deutscheste Kulturgut aller Zeiten, es wird lediglich darüber geflüstert, hinter vorgehaltener Hand. Doch jetzt nicht mehr. Jeder soll es wissen, jeder muss es erfahren. Das alle Regionen verbindende, absolut deutsche Kulturgut ist in diesem Lied versteckt:

 

 

  1. Falls jemand nicht wissen sollte, wer gemeint ist:
Leave a Comment

Die Verrohung der Gesellschaft

Heutzutage behaupten ja viele (unter anderem auch Heiko Maas), dass eine zunehmende Verrohung der Gesellschaft stattfinde, deutlich sichtbar etwa an schludrig durchgehetzten Hasskommentaren auf Facebook, Instabinsta, Twiddi und Doddel oder an anderen Erregungsbotschaften, geschlonzt in andere virtuelle Tagebücher, nach dem Motto: Das kommt mir nicht zupass, also kriegste Hass (du Bitch!).  Auffällig sei dabei eine umfassende Impulskontrollschwäche, wodurch selbst die kleinste Nichtigkeit das Potential habe, ein kinskieskes Hassfeuerwerk zu entfachen, das dann jedoch selten in kinskiesk genialer Eloquenz abgefeuert werde, sondern in Form als auch Inhalt eher bildliche Assoziationen an halbverdaute Breispeisen hervorrufe, die unter höchster Anstrengung die Speiseröhre hinaufgewürgt werden. Schade.

Erst wollte ich – Gutmensch, der ich bin – nicht so richtig an diese immense Hasserei heutzutage glauben und dachte mir eher (vor allem als es Heiko Maas formulierte): Ach komm, ach, ach geh! Bis ich diese Verrohung am eigenen Leib erfahren musste. Nämlich: die letzten vier Male, als ich mit meinem PKW großzügiger und vorausschauender Weise an sogenannten Fahrbahnverengungen (und anderen Engstellen) den Weg für den sogenannten Gegenverkehr frei gemacht, mich also devot an den Fahrbahnrand gekauert und dabei fast meinen massigen Fahrzeugunterboden (und den andern natürlich auch) aufgeschrammelt hatte und auf die obligatorische Gegenleistung wartete (einen halbnett gemeinten Kurzgruß mit der flachen Hand 1), jedoch nichts anderes erhielt als kaltes, kotzbackiges, mich komplett ignorierendes Vorbeiglotzen. Da wusste ich, mit der Zivilisiertheit dieser Gesellschaft ist es vorbei, wenn solche auf halblinks aufgeblasenen Fredchenfressen; abgelutschten, in Hundekot gespuckten Salbeibonbons; vor Ekelhaftigkeit aus allen Löchern defäzierenden Fäkalapparate; bis oben hin vollgeschissenen Regentonnen; latent rechtsradikalen, durchschnittsdeutschen, vollgewichsten Gummihühner; VW-fahrenden, analdildobepfropften Dieselgateverlierer; potentiellen Alice-Weidel-Begatterinnen (nein schlimmer noch: -liebhaberinnen); eigentlich nach Eichsfeld zu entsorgenden Müllkübelgesichter; Radio-Sachsen-Anahlt-Hörer, solche dehumanisierten, von der Evolution ausgerotzten, Zellhaufen auf den Straßen unterwegs sind! Armes Deutschland. Nichts als Hass, wohin man sieht!

  1. Anm. d. Verf. kein Hitlergruß!
Leave a Comment

Argumentationshilfen für die nächste Facebook-Diskussion

  • Aber Sie kennen sich aus, oder wie?
  • So ein Quatsch!
  • Nazi!
  • Linksfaschist!
  • George Soros bezahlt dich!
  • Martin Schulz sorgt bei dir auch gleich für Gerechtigkeit!
  • Schweig! (Klassiker)
  • Das Social-media-Ding von Google is viel besser.
  • ahrmes teuschlant!
  • Auf Twitter hab ich 1351 Follower.
  • Jetzt beruhig dich mal, nimm die Finger von der Tastatur, lass dir ne schöne Badewanne ein, setz dir einen Kamillentee auf, buch ein Wochenende Wellness im Spreewald, geh mit deinem Hund um den Block, atme einfach einmal tief durch, leg dir Entspannungsmusik auf und dann fick dich, du Scheißidiot, mit deiner Scheißmeinung, deinem Scheißgesicht, deinen Scheißfreunden, du Haufen Scheiße, du Abschaum des Abschaums, du Absonderung der Absonderung der Absonderung drei Tage alter Gehsteigspeichelreste, du Königsekzem, Herrscher über alle eitrigen Ausbeulungen der Unterwelt, du Kohlrabiessensrest im faulig Gebiss eines 99-jährigen ehemaligen SS-Offiziers, du Ledersitz einer Mercedes-Limousine, auf den sich Sigmar Gabriel setzt, du…du…hach, ich geh in den Garten Erdbeerenpflücken.
  • Heute morgen habe ich meine Schuhe ganz allein zugebunden!
Leave a Comment

Als Emmanuel Macron eine Crème war

Also ich so – vor kurzem – gedankenversunken auf meinem Nagelbett lag und darüber nachdachte, in welches Erdloch ich mein erjagtes Wildschwein legen könne, um es dort langsam – so richtig slowfoodmäßig – zu garen, erschien mir Manuel Macron als eine Art virtuelle superspirituelle Gedankenmanifestation, wie das eben manchmal so im Alltag vorkommt. Er saß auf einem goldenen Thron und grinste wie ein sehr gepflegter und höflicher Schwiegersohn, was mich umgehend dazu veranlasste über einen gelungenen Scherz meinerseits nachzudenken, den ich einmal tätigte, als ich Maronenmus aß, das ich – mit ungeheurer humoristischer Hellsichtigkeit – in diesem Moment nicht als Crème de Marrons (was dem französischen Originaltitel entspricht), sondern als Crème de Macron bezeichnete und damit die feine Gesellschaft, die sich um mich versammelte (die aus mir und meiner Essecke bestand), zu einer ausgiebigen Lacherei veranlasste. Doch nicht genug! Schließlich fragte ich: „Warum ist denn Frankreich so von diesem Macron fasziniert, dass ein Nationalgericht nach ihm benannt wird bzw. warum ist denn Frankreich so von Marrons fasziniert, dass sogar der Präsident danach benannt wird? Haha. Es war wirklich – wie sagt der Durchschnittsheini? – hilarious. Es war sogar so witzig, dass ich diesen Vergleich zehn Mal hintereinander anstellen musste:

Crème de Macron, Emmanuel Marron, hihi
Crème de Macron, Emmanuel Marron, hihi
Crème de Macron, Emmanuel Marron, hihi
Crème de Macron, Emmanuel Marron, hihi
Crème de Macron, Emmanuel Marron, hihi
Crème de Macron, Emmanuel Marron, hihi
Crème de Macron, Emmanuel Marron, hihi
Crème de Macron, Emmanuel Marron, hihi
Crème de Macron, Emmanuel Marron, hihi
Crème de Macron, Emmanuel Marron, hihi

Wirklich, ein gelungener Abend oder Tag oder vielleicht war es auch nur ein Augenblick in diesem verrückten Universum an Bilderströmen, das sich „Leben“ nennt, dieser endlose Traum aus Redundanzen und unangenehmen Neuigkeiten, dieser langen, langen, langen Periode des immer wiederkehrenden Stumpfsinns, dieses medial viel zu sehr gehypte Ereignis völlig unzusammenhängender, belangloser Ereignisse, dieses Phänomen, das fast so geil rüberkommt wie Brokkoli. Werch. Obwohl nein, ich meine Kohlrabi. Werch, werch!

Jedenfalls plauderte Macron (oder Marron? hihi) von seinem Thron lässig zu mir herab und fragte mich, wie ich denn das Daftpunkmedley beim Trumpbesuch fand, worauf ich antwortete: „Ok, ganz witzig“, worauf er sich zufrieden zurücklehnte und weiter Hausdurchsuchungen nonstop, on the fly, adhocig, ohne richterlichen Beschluss nachdachte, was genau ja genau so unbedeutend ist wie die Sechstelnote im Daftpunk-Hit „Happy-Bappy“. Dann zauberte er einen französischen Vermögenden (erkennbar am Spitzbart und dem vergoldeten Barrett oder auch Béret) aus seiner Jackettasche, der sich in seinem Handballen gemütlich einmummelte und rief „vive la…n’a pas d’importance“ und „weg mit die Schdeuer!“, bis der heilige Marron schließlich hinab oder hinauf fuhr – das war nicht so wirklich ersichtlich – in ein besseres Leben, was man ja ohnehin nur als völlig überhyped bezeichnen kann. Ein Nachmittag wie jeder andere.

Leave a Comment

Wichtige Erkenntnisse über #Hamburgriot

Für alle, die ob dieser nun ja fast eine Woche lang täglichen Diskussion über Links und Rechts, über Extremismus und Extremextremismus, über Autonome und Antonyme, über Gewalt und Anti-Gewalt, über bayerische Sicherheitskonzepte im Vergleich zu hamburgerischen, über bayerische Wurstgesichter (Herrmann) im Vergleich zu hamburgerischen (Olaf Scholz), über Rummsidbumms und Tüdelü, irgendwie keinen Bock mehr haben und sich eigentlich auch nicht mehr mit diesem medialen Overkill beschäftigen wollen, noch mal die Top3-Erkenntnisse aus den letzten Tagen:

  • Rechte Randalierer sind nach wie vor beschissener als linke Randalierer.
  • Gewalt führt erstaunlicherweise prinzipiell zur Eskalation, egal wer das Monopol darauf hat.
  • Die Aufstände haben, auch wenn Gewalt total böse ist und natürlich keinen Sinn macht, wahrscheinlich auch mit der Situation außerhalb Europas zu tun und sind deshalb nicht vordergründig gegen die offene Zivilgesellschaft und Demokratie gerichtet (wie ganz viele konservative Schreiberlinge derzeit behaupten, so wie dieser scharfe Analytiker hier, der in linkem Protest vor allem die pubertäre Rebellion verblendeter Wohlstandskinder zu erkennen vermag, obwohl sogar Henryk M. Broder die undemokratischen Vorgängen vor dem Gipfel kritisiert), sondern gegen den ausufernden westlichen Kapitalismus, der in den südlichen Ländern der Welt lustig vor sich hin mordet und der kein einziges Mal während dieses G20 Gipfels thematisiert wurde.

Zusammenfassend lässt sich aber eigentlich nur dazu sagen:

…alles Mutti!
Leave a Comment

Drei wahllose Gedankengänge an einem Montagnachmittag

-1-

Eigentlich könnte ein Smartphone ein tolles Werkzeug sein. Also abgesehen von dem ganzen Social-Media-Geschmodder, das ja hauptsächlich gar nicht so social ist, da man die virtuelle Spiegelfläche an „Freunden“ dafür verwendet, sich genüsslich selbst zu bestaunen, im die Seele so schön kühlenden Feedbackregen unzähliger, nach oben zeigender Daumen: Wie schön man doch ist? War man schon immer so schön? So weltgewandt? So bedeutend? Eigentlich nicht. Abgesehen davon sind soziale Medien aber bspw. nicht schlecht um Urlaubsbilder an Muttern zuschicken und im Gegenzug dafür kitschige „Ich-hab-an-dich-gedacht-Videos“ zu erhalten. Und abgesehen davon könnte – wie erwähnt – ein Smartphone ein tolles Werkzeug sein, bspw. im Ausland zur Übersetzung. Da man aber technisch noch nicht, dafür aber in Sachen Turbokapitalismus sehr wohl fortgeschritten ist, kann man das Smartphone noch nicht an seinem Kehlkopf anlegen (oder es damit verschmelzen lassen, es bpsw. in eine praktische Aussparung – die man sich bei seinem Hausarzt hat anlegen lassen – hineinzuschieben oder ähnliches, was sicherlich in hoffentlich ein, zwei Jahren möglich sein wird), während dieses dann das eigene Gebrabbel in fremdsprachliches Gebrabbel übersetzt, stattdessen darf man aber Unsummen an Roaming-Gebühren bezahlen, wenn man einfach nur wissen will, was „Ich möchte ein hartes Ei“ auf bspw. französisch heißt.

-2-

Abgesehen davon ist es mir persönlich unverständlich, wie man sich freiwillig in ein 30-Grad-Sonnenschein-Staubecken menschlicher Ausdünstungen wie bspw. ein Schwimmbad begeben möchte, um sich dort zu „entspannen“. Auch Strände mit dem Geruch von Verwesung, hervorgerufen durch vollgeschissene Badehosen (da Menschen sich stets so sehr über den Sommer freuen, dass sie zu Beginn der Hautgrillsaison genüsslich einkoten), überkochende Achselsuppen und faulig-trockenen Mundgeruch, zähle ich ebenfalls zu dieser Kategorie sommerlicher Strapazen, die ich persönlich als – man muss es sagen – ganz schlimm empfinde. Da trifft man auf das schlechteste im Menschen, äffische Fratzen im Spiegel der Sinnlosigkeit der eigenen Existenz, Schwitzen, Schwitzen, Schwitzen, unsinniges Geschrei, gelebte Einsamkeit in der vermeintlichen Gemeinschaft, eben augenscheinlich werdende Entfremdung von der eigenen Gattung und – schlimmer geht es kaum – die Lust am Volleyballspielen. Dazu natürlich noch dieser verdammte, hirnverbrennende Sonnenschein, wodurch auch ich nicht anders kann, als äffisch mein durch den ganzen Körper pulsierendes Unbehagen wegzugrinsen. Schlimm, schlimm, schlimm.

-3-

Abgesehen davon ist es immer wieder eine interessante Überlegung, gerade wenn man überromantisiert durch naturelle Erfahrungen bspw. an einer Bergschlucht sitzt oder einen Sonnenuntergang beobachtet (der viel zu lange dauert, für den viel zu kurzen ästhetischen Effekt), ob es nicht sinnvoll wäre, sich ein Haus aus zwei oder sagen wir drei Brettern zusammenzuschustern und in der Natur von Käfern zu leben, um endlich total frei zu sein, wie dieser Typ aus diesem Film mit dem schlechten Eddie-Vedder-Soundtrack. Und dann ist es aber noch eine interessantere Überlegung, den mir persönlich noch unklaren aber in diese Richtung verweisenden Gedanken Hannah Arendts zu folgen, wonach sich der Mensch durch das gelebte Engagement im Gemeinwesen erst als Mensch realisiert, er dort seine Freiheit konkretisiert, weil er natürlich – an dieser Erkenntnis kommt man nicht vorbei – ein soziales Wesen ist und damit einen grundlegenden Teil seiner gewordenen Existenz zu leben im Stande sein könnte. Ja, das ist total interessant. Aber nach wenigen Minuten in diesen Überlegungen funktioniert dann doch das „homogenisierte Alltagsbewusstsein“ und beschäftigt sich mit der nächsten überflüssigen Bedürfnisbefriedigung, was nun wirklich gar nicht mehr interessant ist, sondern eher tragisch und so verleibt dann doch wohl erst alles dort, wo es ist, bis es irgendwann zu unerträglich wird – oder wie dieses uralte Gesetz aller Dinge auch immer lautet.

2 Comments

Miniaturen des Abschieds: Die Welt zu dicht

Taubenschläge in den Mägen
Stille in den Dachstuhlschrägen
gefrorenes Licht
Fühle undurchdringlich, mich
Dann setzt das Leben aus
Und später die Nächte

wachen nicht mehr auf.

Hörbar ist nur Flimmern
Und mit Wüstendünenblicken in atonalen Zimmern
stürzen Wahr und Falsch zusammen
Ein letztes Weltenflammen,
vereint, geküsst, vermisst
ein leerer Platz am Tisch

wo du nur bist?

Und dann nichts als Wanken, Wanken, Wanken
In einer Welt mit Bärenpranken
Mit Dichte, Kälte, Regen
Und den tiefsten Magenschlägen
Davon erholt man sich nicht,
so schnell, es ist unmöglich

Die Welt zu eng, zu dicht.

Leave a Comment

Augenklavier: Dazwischen/Funken

Da gibt es ein Gefühl am
Schmelzpunkt, wo nur
oszillierende Umfassung ist,
im purpurnen Krakenwesen, das
gleich hinter der Stirn, sich
quer über den Frontallappen ein
gesponnen hat.

// bin das ICH?

Die tieferen Ebenen durch
wandernd, wallt und kriecht dieses,
Schlangen – gleich – durch
alles, was es gibt, alles was
es vorgibt, Welt zu sein und
dabei genauso irrt wie es
treffend beschreibt.

Ein Diaprojektor, die Verwaltung von
Bildern und solchen,
die es noch werden wollen.
Ineinander, übereinander, un- und ab- und auf-
und querverweislich, im Gesamt[pulk]
pulsierend, explizierend, verschweigend.

Ein Entstehen und
Zer
fall
en
nimmersatt, nimmerstop, nimmerleer, bis
Dinge erliegen, die dennoch in Bewegung bleiben [werden]

Und dazwischen ein Gefühl am Schmelzpunkt
// bin das ICH?

Es taut alles andere [ab]

Leave a Comment

Zwei Fragen

Was ist Solidarität?

Warum gelingt es vielen Menschen in Deutschland nicht, sich mit geflüchteten Menschen zu solidarisieren?

Zwei schwierige Frage und wahrscheinlich wird dieser Text keine Antwort finden. Was man allerdings heutzutage tun kann, wenn man eine schwierige Frage zu beantworten hat, ist, Online zu gehen. Etwa auf Instagramm, auf Facebook, auf Snapchat, oder auf Schnapsat oder Google (ob sich das durchsetzen wird, weiß ich nicht). Oder eben auf Wikipedia. Dort steht allgemein unter dem Begriff Solidarität formuliert (etwas sperrig): „Solidarität bezeichnet eine, zumeist in einem ethisch-politischen Zusammenhang benannte Haltung der Verbundenheit mit – und Unterstützung von – Ideen, Aktivitäten und Zielen anderer. Sie drückt ferner den Zusammenhalt zwischen gleichgesinnten oder gleichgestellten Individuen und Gruppen und den Einsatz für gemeinsame Werte aus“

So weit so gut. Es geht also grob gedacht um die Verbundenheit mit den Ideen, Aktivitäten und Zielen anderer. Und weiterhin um den Zusammenhalt Gleichgesinnter. Um gemeinsame Werte. Und letztlich ist Solidarität im Kern ein ethischer Akt. Wodurch sich direkt die zweite Frage anschließt: Warum ist es in Deutschland nicht oder kaum möglich, einen ethischen Akt zu vollziehen, der eigentlich notwendig ist, den man vollziehen muss, würde man ganz unverstellt auf die Schicksale dieser Menschen blicken, die ihr ganzes Leben hinter sich gelassen haben? Würde man nachvollziehen können oder zumindest erahnen, was es bedeutet, vor Krieg, Hunger, existentieller Not oder einfach um ein besseres Leben zu führen, was ein legitimer Grund ist, zu fliehen. Würde man also ein Minimum an Empathie aufwenden, sich in die Lage des Anderen versetzen.

Warum gelingt jedoch diese Empathie so selten? Warum gelingt es so selten, existentielle Lebenssituation anderer und gerade von Flüchtlingen anzuerkennen? Es gibt viele Erklärungen. Aufkeimender, beziehungsweise verdeckt die ganze Zeit vorhandener Rechtsradikalismus ist eine und nachvollziehbar. Die grundlegende Blödheit des Deutschen eine andere und ebenso nachvollziehbar. Eine andere offensichtliche, aber auch schwierige (da ungenaue) Antwort ist das Verborgene im Hintergrund unserer Welt, der Kapitalismus. Immerhin ist dieser die Bühne auf dem sich unser Handeln vollzieht, ob wir wollen oder nicht und nur schwerlich lässt sich diese Bühne einfach verlassen. Stattdessen wirkt sie auf jede Szene ein, gestaltet diese unscheinbar, fast unsichtbar mit. Eben leicht übersehbar. Das wissen wir alle und gleichzeitig scheint dieses Wissen so sicher, so allumfassend, und man selbst so ohnmächtig diesem Wissen gegenüber, dass es banal wird, unzugänglich im Alltag, genau in den Situationen, wo wir Entscheidungen treffen müssen, bspw. ob wir Empathie aufbringen, ob wir uns solidarisieren, uns auf den anderen einlassen, wo es notwendig wird, ethisch zu handeln.

Empathie ist kein Begriff in der kapitalistischen Ideologie, in der alles auf Gegensätzlichkeit, auf Feindschaft und wenn nicht auf Feindschaft, dann zumindest auf Konkurrenz beruht. Und gleichzeitig ist am Kapitalismus bemerkenswert, dass sich der Mensch damit ein System geschaffen hat, das ihn selbst be- und schließlich, auf Dauer, entwertet. Dafür ist nichts weiter notwendig, als den allgegenwärtigen Regeln zu folgen, eine Ideologie der Ungleichwertigkeit zu leben, hinzunehmen. Es geht ganz leicht. Automatisch. Und Empathie – als Grundlage von Solidarität und letztlich Ethik – wird zu einer Randempfindung. Abgenutzt. Letztlich zu langsam und verzichtbar.

Das Ergebnis dieses Prozesses ist eine Denkfigur, die man im Alltag nur allzu gut kennt: Die Idee vom abstrakten Menschen. Das ist eine Denkfigur, die ganz ohne Zutun oder Böswilligkeit funktioniert. Sie funktioniert wie geschmiert. Diese Denkfigur hat den Menschen bereits überflüssig gemacht, des empfindende, denkende Individuum. In dieser Denkfigur ist der Andere kein echtes Wesen, kein Wesen wie man selbst, kein Bezugspunkt, er ist eine Zahl, eine Eins, eine Null, vielleicht auch mal eine Zehn in sexistischen Kontexten. Eine Reduktion aus Verwertbarkeit und einfacher Genießbarkeit. Natürlich nicht jeder Mensch. Man erhält sich einen kleinen Kreis an echten Menschen, bestehend aus Familie, Freunden, losen Bekannten. Der Rest ist Legion, im Überfluss vorhanden, nicht erfassbar, nicht erfahrbar, irgendwie unwichtig, und doch wichtig, leicht übersehbar. Und hier macht das Zitat von Zygmunt Baumann Sinn, wenn er sagt: „Die Bereitschaft zur Grausamkeit steigt, je größer die Distanz zum mutmaßlichen Opfer empfunden wird.“ So lässt sich vielleicht erklären, dass Flüchtlinge mittlerweile Verhandlungsmasse in diplomatischen Ränkespielen geworden sind. Vielleicht.

Natürlich gibt es weitere Gründe dafür, dass Solidarität in Deutschland nicht so richtig gelingen will, die in diesem Text nicht vorkommen und nicht vorkommen können. Verborgen im Hintergrund schreit und greint sie jedoch, die Ideologie der Ungleichwertigkeit und ruft dem Europäer zu, du bist die Elite, du bist der Wohlstand, sei stolz darauf (vom Raub und Mord, der diesen Wohlstand ermöglicht hat, erzählt diese Stimme nichts). Lass das Fremde, das Arme nicht zu dir herein, lass dir nichts wegnehmen. Lass die Nichtse, nicht von deinem Teller naschen. Die Nichtse, die Eduardo Galeano so beschreibt:

Die Kinder von niemand, die Besitzer von nichts,
die Nichtse, die Niemande,
die Verachteten, die hinterher rennen,
im Leben sterbend,
beschissen, voll geschissen:
die nichts sind und die nichts werden.

Das ist wohl das wahre Europa, erfüllt vor Angst, Angst vor den Armen da draußen, vor dem Rest der Welt, Angst davor, Privilegien und Kapital zu verlieren, Macht und Einfluss und letztlich aber Menschlichkeit.

Diese Denkfigur des abstrakten Menschen ist maximal eine Erklärung, eine dürftige, ein Erahnen von irgendwas Größerem. Und dennoch ist sie keine Ausrede, denn es gilt, sich immer wieder gegen diesen scheinbaren Kulturautomatismus zu entscheiden, zu sagen: Nein, der andere ist keine Zahl, er ist keine Hülle, keine Kategorie. Er ist gleichwertig zu mir. Es gilt eine Idee der Menschheit zu leben, die da heißen kann, wir sind alle vernunftbegabt, die da heißen kann, wir sind alle aufeinander angewiesen, die da heißen kann, nur durch den Menschen, wird der Mensch, die da heißen kann, nur durch den Anderen werde ich ich und bin ich geworden.

Und so sind Begegnung, Dialog und Kooperation die Waffen gegen Empathielosigkeit und das Denken vom abstrakten Menschen. Es sind die schwächsten und stärksten Waffen zugleich. Die schwächsten, da ihre Wirkung nur selten unmittelbar wahrnehmbar ist und die stärksten, da die Welt durch diese dauerhaft zum Guten hin verändert wird. Wenn man so will handelt es sich dabei um humanistische Zeitbomben, die niemanden verletzen, verstümmeln oder zerreißen, sondern Felder der Macht aufsprengen, Räume öffnen, in denen neue Möglichkeiten realisiert werden können, die Verstehen und damit Verständigung erwirken, wo man nicht dieselbe Sprache zu sprechen scheint.

Der massive Einsatz dieser Waffen wäre wünschenswert. Durch ethische Akte. Durch Empathie (und daraus folgend Mitgefühl) im Persönlichen. Durch Solidarität mit den Schwächeren im Politischen. Jedoch nicht, weil wir gleich oder gleichgesinnt sind, sondern weil wir gleichwertig sind. Und weil wir eine wichtige Idee vom anderen haben, der ich sein könnte, der eine Möglichkeit meines Lebens darstellt, ohne den ich nicht denkbar bin.

 

 

 

 

Leave a Comment