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Kunstkritik: Then Dog said…

“Irritierend” oder “provokaierend”, geben Kenner von sich, wenn sie das neuste Werk von Madelaine Beurdeuf in Augenschein nehmen dürfen. Mit “Then Dog said, let us make man in our image, to be like us” ist der französischen Grand Dame wieder einmal der ganz große Wurf gelungen. Kritiker und Fans sind begeistert, fassungslos und in siedender Ekstase garen die Komplimente zu einer schmackhaften Gesamtkomposition des uneingeschränkten Lobes zusammen. Der rastlosen Beurdeuf, die – wie allseits bekannt – im Alter von acht Jahren bereits ihr Elternhaus verließ, um in einer Mülltonne zu leben und sich ausschließlich von Keksen zu ernähren, ist es wieder gelungen den Rezipienten direkt das Sinnieren in den Gedankenapparat zu pusten. Wie ihre in den neunziger Jahren populäre und von Schärfe geprägte, antiamerikanische Aktionskunst – wir erinnern uns alle an die unvergesslichen Szenen am Champs Élysées, als Beurdeuf nackt versuchte Toastbroat in ihren Pobacken aufzubacken oder in einem mit Mayonnaise gefüllten Planschbecken das Ertrinken eines protestantischen Kindes simulierte – trifft auch ihr neuestes Werk das Kerngehäuse der modernen Zeit und dürfte vor allem im amerikanischen Raum auf erneute Resonanz stoßen, wenn auch auf voraussichtlich äußerst negative.

Dabei kam es der mittlerweile 86-jährigen Großkritikerin, übrigens eine Koryphäe der heutzutage kaum noch angewendeten Gelenkwischmalerei, nicht in erster Linie auf die Herausforderung engstirniger Zeitgenossen an, wie sie selbst bei der Eröffnungsausstellung in Paris anmerkte, obwohl das auch immer Teil ihrer Kunst war. Vielmehr sei ihr neuestes Werk ein wichtiges, ein immenses Anliegen: Der Mensch solle wieder lernen zu hinterfragen, um seine gemütlichen, aber rostigen Denkstrukturen aufbrechen und letztlich neu gestalten zu können. Dass sie sich damit voll und ganz gegen den Mainstream der Kunstindustrie stellt, ist ihr bewusst und sie tut es aufrecht wie ein alter, knochiger Fels, der einfach nicht auseinanderbröseln will, egal wie hoch die Wellen der Empörung schlagen. Diese lange trainierte Haltung des störrischen Esels ist nicht nur bewundernswert, es ist ein nötiges Aufbegehren des Humanen, in einer Welt, die inhuman geworden ist.

“Then Dog said, let us make man in our image, to be like us” erzählt von der Geschichte des zweifelnden Menschen in einer undurchsichtig gewordenen Lebensumgebung. Unweigerlich tauchen beim Betrachten des Werkes existientelle Fragen auf, die eine umgehende Beantwortung geradezu erzwingen. Wie ähnlich ist der Mensch dem Schoßhund wirklich? Ist Schappi vielleicht die vernünftigere Alternative zu Pferdefleisch-Lasagne? Wie fremdbestimmt ist der Mensch in einer Welt, die ihn ständig zum Sitzmachen zwingt? Kann der Mensch sich irgendwann von der Leine, die ihn seit Anbeginn der Schöpfung an einen metaphysischen Holzpflock bindet, losreißen? Kann der domestizierte Mensch irgendwann wieder frei sein? Natürlich wird auch ein kritisches Licht auf die Schöpfungsgeschichte geworfen – bei der religionskritischen Beurdeuf gehört dies zum guten Ton. Das Verständnis von Gott muss nach der Erfahrung dieses Werks völlig neu gedacht werden. Gott etwa als der ständig heulende Schoßhund, der mit dem Schwanz wedelt und Sitz macht und Platz, um das nächste Leckerli zu bekommen. Gott, der das Universum beim Gassigehen erschaffen hat, nebenbei, ohne die allumfassende Liebe, nach der sich die Menschheit so sehr sehnt. Gott als kläffende, nervtötende Fußhupe des Universums.

Tiefe, fragwürdige Abgründe reist Beurdeuf mit ihrem Werk in das Selbstempfinden des Rezipienten und trifft ihn dort, wo er am empfindlichsten ist: Im auseinanderfallenden Herzen, das im Wind der modernen Welt davon getragen wird. Doch gibt Sie dem Menschen auch einen Plan an die Hand, eine Chance zur Rückbesinnung. Der Mensch ist schließlich mehr als ein Stück Software, das der ständigen Gefahr ausgesetzt ist, ungefragt, zu den unpassendsten Zeitpunkten, geupdatet zu werden. Der Mensch muss wieder lernen, enervierend herumzubellen, in einem Zeitalter, das droht ihn selbst zu überholen. Der Mensch muss wieder lernen stehenzubleiben, an der Leine zu rütteln, an dem ein oder anderen Bäumchen zu schnüffeln. Der Mensch muss wieder sorgloser mit seiner eigenen Biologie umgehen, einfach mal ein Häufchen machen, wenn ihm danach ist. Und schließlich muss der Mensch die Fährte aufnehmen, in eine gütliche, gerechte Zukunft für sich und seine Artgenossen. Danke Madelaine für diese Einsichten. À la bonne heure, Madame Beurdeuf, à la bonne heure!

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Published in# ArchivKunst

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