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Sonderangebote

Es passiert nicht oft, dass sich meine Studenten Gedanken machen. Die meiste Zeit sind sie damit beschäftigt, ihre Auslandstrips nach ihrem Abschluss zu planen und vergessen dabei, dass ich sie am Ende des Semesters eiskalt durchfallen lassen werde. Worin diese jungen Menschen jedoch mehr als geübt sind, ist das Suchen und Finden von Sonderangeboten. Es war also lediglich eine Frage der Zeit, bis ich in meiner Vorlesung einen philosophischen Blick auf dieses Phänomen der Alltagsgeschichte werfen sollte und soweit es überliefert ist, gibt es Sonderangebote seit Anbeginn der Menschheit. Kein wunder also, dass dieser Gegenstand dementsprechend lange unter philosophischer Beobachtung stand. So gut wie jeder große Philosoph konnte zu diesem Thema etwas beipflichten. Es ist nachgerade überraschend, welche Gedankenfülle sich bezüglich dieser Erscheinung im Laufe der Zeit entfaltet hat.

Platon brabbelte etwa: “Der Mensch kann nur sagen: das ist ein gutes Sonderangebot, wenn er zuvorderst das Urbild des Angebots geschaut hat. Erst wenn er dessen Eigenschaften verstanden hat, kann er das Sonderangebot erkennen und beurteilen und im besten Falle wahrnehmen. Das Sonderangebot strebt dem Angebot stets zu, doch niemals wird es dieses erreichen”. Zudem erklärte er, dass Sonderangebote nicht immer günstig sein mussten. Ofmals war es wohl der Fall, dass ubrildliche Angebote um einiges billiger ausgeschrieben wurden als deren abbildliche Pendants, was unter anderem an den geringen Herstellungskosten oberhalb des Himmelsgewölbes gelegen haben musste. Das Sonderangebot ist also an sich – wenn man Plato auf diesem Wege folgen mag – ein organisches, sehnsüchtelndes Wesen, das hin zu seinem Ursprung strebt und diesem gerecht werden möchte, obwohl das eh nix wird. Auch Sokrates war ein Fan des Sonderangebots gewesen. Aus Platons Aufzeichnungen weiß man etwa, dass der alte Weise der Philosophie das Sonderangebot als entzückendste Verlockung des Lebens, gleich nach süßen Knaben, nannte und eigentlich immer auf der Suche nach dem nächsten Schnäppchen war. Oftmals erhielt er Waren sogar völlig kostenlos, nachdem er mit dem Verkäufer in einen eindringlichen Dialog gegangen war und leitete nebenbei einen äußerst erfolgreichen Trödelhandel, mit dem er die Nudelholzsammlung seiner Ehefrau finanzierte.

Retrospektiv muss man sagen, dass es grundlegend zwei Ansichten über das Sonderangebot in der Philosophiegeschichte gab. Da waren die stolzen Befürworter wie Descartes (der sogar seine Philosophie auf dem Sonderangebot gründete: “Ich will das Sonderangebot, also bin ich”), Hume (er mochte besonders gerne günstige Plätzchen und Gänsebraten und auch er war es, der theoretisch sicherstellte, dass man erst von einem Sonderangebot reden kann, wenn man es höchst persönlich wahrgenommen hatte) und sogar der stets schlecht gelaunte Kierkegaard, der vor allem Ausschau nach großen bunten Hüten mit Federn hielt, die ihn zumindest einige Sekunden lang aufheitern konnten. Gegen diese Giganten des Geistes stehen seit jeher die Sonderangebotsverächter. Unter ihnen sind Schwergewichte wie der eisenharte Kant (”Sonderangebote existieren nicht”), Nietzsche (der stets predigte, das Sonderangebot und die damit verbundene, lausige Scheinmoral müsse endlich überwunden werden, um hin zu einer Art Überangebot zu gelangen) oder auch Ludwig Wittgenstein, der verächtlich in einer Vorlesung getönt haben soll: “Über Sonderangebote lässt sich trefflich reden, indem man schweigt.”

Ein Philosoph jedoch, der kaum historische Beachtung fand, besgründete seine Philosophie ausschließlich auf dem Phänomen des Sonderangebots. Ulrich von Wankern, 1997 im urigen Bad Brombach geboren, schloss seine Beobachtung mit folgender Erkenntnis: “Sonderangebote…das is geil und geiz is geil. Geil! Isch muss los in de Kunstbar. Geil!” Sonderangebote erregten seit jeher das menschliche Gemüt, waren stets Symbol für Hoffnung und den Glauben an Besserung. Das Sonderangebot ist in seiner Einzigartigkeit jedoch ein Zwitterwesen: Viele Sonderangebote koexistieren und sind sich nur in ihrer Form einig, die wiederum das besondere am Angebot darstellen kann, deren Klang und Äußeres zu einem unverwechselbarem Bilde führt, das wiederum – wenn man genau hinsieht – jederzeit wiedererkannt werden kann und somit die Einzigartigkeit in der Vielfalt sichert, wie es dem normalen Angebot oder Ramschtisch bis heute nicht gelingt. Was? Mit diesem schlauen Satz endet unsere heutige Reflexion.

 

Published in# ArchivPhilosophie

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