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Über: Gewinnspiele

Gewinnspiele, Gewinnspiele, dieses Wort, dieser Ausdruck! Gewinnspiele! Das ist mir aufgefallen, vor Tagen, als ich in der Zeitung blätterte und mein Augenmerk dann auf eine Chipstüte fiel, auf der Stand: Nehmen Sie teil, an unserem Gewinnspiel! Und gewinnen Sie eine Cambridge Satchel. Da ist es mir aufgefallen, zum ersten Mal in meinem Leben, das Gewinnspiel und ich fragte mich, was denn die Motivation sein könnte, an einem Gewinnspiel teilzunehmen und natürlich erhielt ich keine Antwort, aber ich dachte so: Also eigentlich ist ja der Gewinn das Ziel, der Antrieb dahinter. Aber der ist ja keineswegs sicher, der ist ja vielmehr unwahrscheinlich, der ist ja nun wirklich kaum zu kriegen. 1:10000? 1:100000? 1: 1000000? Das ist doch gering. Für mich persönlich lohnt sich da der Aufwand nicht, ein Briefchen zu schreiben und persönliche Daten an ein Unternehmen zu übermitteln. Ich meine das kostet garantiert eine Stunde wertvoller Quality Time, die man auch mit dem Färben von Katzenschnurrhaaren oder dem Starren auf Flussströmungen verbringen könnte. Warum macht man das also, warum nimmt man sich Zeit und Hoffnung, statt einfach in ein fließendes Gewässer zu starren?

Vielleicht denkt man sich ja: Hey, ich habe vor 5 Jahren bei der Tombola in Witzlasreuth gewonnen, wieso sollte ich denn jetzt nicht dieses Gewinnspiel hier gewinnen? Schließlich erhöht sich die Wahrscheinlichkeit eines Gewinns, wenn man irgendwann schon einmal irgendetwas gewonnen hat. Oder denkt man sich: Ich bin ja prinzipiell ein Gewinner, wieso also nicht auch bei einem Gewinnspiel gewinnen? Gewinnen liegt mir im Blut – zumindest behauptet das Omi – und deshalb wird auch dieser Gewinn, der meine sein! Oder man denkt sich: Ich brauche diesen Füllfederhalter so dringend, das Schicksal wird mir schon beistehen? Oder: Oder Gott wird mir schon beistehen!? Oder man denkt sich vielleicht: Naja, da muss ich ja eigentlich nichts aufwenden, außer ein Briefchen zu schicken und meine persönlichen Daten an ein Unternehmen zu übermitteln und im besten Fall, bekomm ich einen wunderschönen Füllfederhalter oder eine Cambridge Satchel, das ist doch toll, oder? Das ist doch minimaler Aufwand und maximaler Gewinn! Es ist ja nicht so, dass ich die Zeit zum Färben von Schnurrhaaren oder zum Glotzen in Flüsse brauchen würde. Und überhaupt: So wirtschaften doch auch die Großen, also mit diesem Mini-Maxi-Mal-Prinzip, hab ich irgendwo mal gelesen. Oder natürlich man denkt sich: Oah, Gewinnspiele sind so aufregend, ich muss gar nichts gewinnen, schon die Teilnahme vergnügt mich so sehr, dass ich mir sofort einfach einen Füllfederhalter kaufen gehe, aber trotzdem mitspiele. Dann hab ich den Preis und das belebende, riskante Gefühl an einem Glücksspiel teilzunehmen. Freude! Oder man denkt sich auch einfach nur: BOOOOOAAAAAHHHHH, GEWINNSPIELE!

Wenn man so überlegt, scheint man sich ja eine ganze Menge dabei zu denken, bei diesen Gewinnspielen und vielleicht sind sie deshalb so beliebt: Weil Sie den Menschen gedanklich herausfordern, ihn zwingen, sich selbst und seine Motivation zu hinterfragen. Was ist schon ein Mensch, der sich noch nie Gedanken über ein Gewinnspiel gemacht hat? Ein halber wahrscheinlich, ein viertel Mensch vielleicht nur, ein schmieriger Abstrich eines Menschen, eine halbfertige Karikatur, ein geistloser Wilder! Da unterscheidet sich auch der Gewinnspieler vom Konsumenten, der schlingt und schlingt und schlingt, ohne zu kauen, ein Gierschlund, ein Schlundmensch, ein Fresser, ein Schlinger, aber sicher kein Gewinnspieler, denn dieser steigt aus dem ewigen Kreislauf des Kaufens aus und möchte lieber etwas umsonst haben. Das ist Rebellion! Wenn man so will, kann ein Mensch erst zum Menschen werden, wenn er an einem Gewinnspiel teilgenommen hat, oder sich zumindest fragt, ob er teilnehmen sollte. Wenn man so will, ist diese Frage die Feuerprobe der Menschheit, die Geburt des kritischen Verstandes. Wenn man so will, dann muss der Mensch sich an dieser Frage probieren, er muss sich reiben und dann – natürlich! – gewinnspielen! Wenn man so will. Also wirklich nur, wenn man will.

Ich würde aber dennoch wohl nicht an einem Gewinnspiel teilnehmen. Wegen meiner vielen interessanten Hobbys natürlich und des karikativen Menschseins, das ich praktiziere. Außer vielleicht an einem Gewinnspiel, bei dem eine Person, die sich für gewöhnlich Gewinnspiele ausdenkt, in einen Raum eingesperrt wird und diesen Raum nicht verlassen könnte, außer sie säge sich den eigenen Fuß ab und als Gewinnspieler müsste ich dann sozusagen meine persönlichen Daten an das Unternehmen übermitteln und dürfte dann dabei zusehen, wie sich diese Person, die sich Gewinnspiele für gewöhnlich ausdenkt, den eigenen Fuß absägte und damit ihre Freiheit gewänne. Das wäre zwar doch kein Gewinnspiel, aber da würde ich sicher mitmachen. Denn davon könnte man sicher beim nächsten Kaffeekränzchen erzählen und vielleicht macht das sogar Mode und allerlei unsympathische Menschen müssten sich Füße absägen, um aus verschlossenen Räumen zu gelangen und die Welt wäre sicher eine bessere, obwohl diese Lösung irgendwie hinkt. Darüber würde ich mich freuen. Zur Not tuts allerdings auch eine Cambridge Satchel. Tolles Teil. Also wirklich.

Published inetwas HumorKolumne

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