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Über: Friends Day und abgegrabbelte Hüte

Also ich glaube es gibt nichts schöneres als einen Friends Day auf Facebook. Abgesehen davon, dass es nichts schöneres als Friends und Facebook gibt. Und am allerschönsten sind Facebook Friends, denn diese sind so angenehm unpersönlich, dass sie einen nicht stören, im modernen Selbstdarstellungsselbstgefiste. Obwohl dieses moderne Selbstdarstellungsselbstgefiste schon irgendwie genial ist, in seiner komplizierten Einfachheit, denn man braucht überhaupt nicht mehr die Anerkennung des andren, um ordentlich im Monitorlicht zu masturbieren, es genügt schon die virtuelle Anerkennung, die man sich wunderbar selbst besorgen kann, indem man dem Blödsinn tatsächlich glaubt, den man über, von und um sich herum erfindet. Win-Win also in der Unterhose. Friends Day auf Facebook jedenfalls ist etwas ganz tolles und sicherlich wird jeder dieses einmalige Event kennen, denn es existieren nur noch zwei Menschen, die nicht auf Facebook zu finden sind: Meine Oma und Adolf Hitler (also zumindest nicht persönlich). Die beiden haben übrigens nichts miteinander zu tun. Falls jemand außer Oma und Hitler den Friends Day nicht kennen sollte: Es handelt sich dabei um ein vermeintlich feinsinniges, von wahrscheinlich glattgegelten Marketing Fuckfaces, liebevoll mit Klaviertönen zusammendefäziertes Bild-in-Bild-Geschiebe, der eigenen facebookschen – eigentlich belanglosen, aber durch viel audiovisuellen Schnickschnack aufpolierten – Vergangenheit, die wohl irgend so etwas wie Sentiment erzeugen soll. Und das gelingt sogar, eben so gut, wie Werbung das leisten kann, also in einer Mischung aus Selbstekel, Fremdekel, Weltekel, Existenzekel, Ekelekel, Superekel, Seehoferekel – ekelativ eben. Und dann wird das lustige Friends-Day-Video nicht nur ekelig, sondern verliert ein bisschen an seiner Unschuld, spätestens, wenn die Photos auftauchen, die gemeinsame Aktivitäten mit Freunden zeigen und noch eins und noch eins und noch eins, an Sandstränden, in hippen Szenebars, im Schlafzimmer unter einer weißen Decke vergraben (mit Schatzi) – im Hintergrund trapst das Klavier rührselig vor sich hin – und in dreckigen Bahnhofstoiletten (mit dem Mann/der Frau fürs Grobe). Dann wird das schon ungefähr so gruselig, als wenn der Lieblingssalker mal wieder ein vermeintlich feinsinniges, liebevoll mit Klaviertönen zusammendefäziertes Bild-in-Bild-Geschiebe auf DVD unter der doch eigentlich dreifach verschlossenen Haustüre hindurch schiebt und sein hämisches Lachen minutenlang in den dunklen Gassen der Nachbarschaft zu hören ist, widerhallend in der Furcht vor der baldigen, ganz persönlichen (nicht nur virtuellen) Auslöschung. Ja, ungefähr so muss sich das anfühlen. Und es will einfach nicht in irgendein Weltbild passen, warum man personale Stalker kollektiv mit wie auch immer berechtigter Verachtung straft, während man virtuelle Stalker ins eigene Schlafzimmer, bzw die eigene Bahnhofsklokabine gucken lässt.

Aber das ist ja auch wieder ein alter Hut, abgebrabbelt, überflüssig und reif für die Müllkippe, was mich unweigerlich an Karneval erinnert, bzw. an Menschen, die an Karnevalssitzungen teilnehmen, abgebrabbelt, überflüssig und fällig für die Müllkippe und an die derzeitige Penetration auf jedem Sendeplatz. Ja, es ist wieder so weit, der Bürger ist ganz närrisch, denn er setzt sich eine Perücke auf und tut so, als würde er nicht täglich an seiner eigenen Borniertheit und gemütlichen Xenophobie ersticken, die sich wie eine schleimige, schwarze Moräne seine Kehle hinauffrisst, bis das verkniffene Gehorsamkeitslächeln sich ein für allemal in eine von guter Laune im unlaunigen Gesicht nicht zu unterscheidenden Totenstarre verliert. Und so klatscht er drei Stunden lang apathisch in die Hände, bis diese zu bluten beginnen, und er nicht mehr aufhören kann, bis er von seiner Schuld erlöst worden ist, ein verzichtbares Individuum zu sein. Klingt hart? So ist Karneval nun mal. Wobei der diesjährige Karneval dann doch wieder einen modernen Touch hat, denn nun hat man sich auch auf solchen Veranstaltungen auf den neuen deutschen Konsens geeinigt (und das mit kleinbürgerlicher Wohlstandspose in Gestalt von Wohlstandsspeckwesen Bernd Stelter), klipp und klar zu sagen, dass jeder willkommen ist, bis auf diejenigen, die sich daneben benehmen, denn die – ja wie genial und einfach, einfachgenial ist das denn? – können dann auch gerne wieder nach Hause gehen, gerade, wenn sie kein „freundsche Jesischt“ machen. Meine Güte, dat is Intellijenz. Wat für ein Jlück, datt et sowat jibt.

Abgesehen davon ist es, sich über Karneval aufzuregen und über das verklemmte Deutschsein, auch ein alter Hut, richtig grabbelig, und irgendwie auch überflüssig, denn egal wie oft man sich darüber beschwert und wie viele Leute es einem gleich tun mögen, beides verschwindet einfach nicht, sondern metastasiert fröhlich vor sich hin. Zumindest ist der Patient bald tot, denn: Die Flüchtlinge kommen immer noch! Und jetzt gehen auch noch – mag man der aus Lügen gepressten Süddeutschen glauben – Russlanddeutsche auf die Barrikaden und sind ganz stolz – zumindest wohl die Ingolstädter – auf ihren Heiland Seehofer und dabei vergessen sie nicht nur die eigene Geschichte der Ausgrenzung, die ja wohl immer noch Bestand hat – immerhin lässt sich kein guter Bürger eine Lästerei über das „verdammte Russenpack“ (egal ob mit deutschen Wurzeln oder nicht) entgehen – sondern steigen ebenfalls, ohne mit einem einzelnen Gedanken zu zucken, auf den Kultur-determiniert-Verhalten-Zug auf und antworten auf die Konfrontation mit den Schwierigkeiten der eigenen Integration mit den wahrscheinlich o-tönigen, aber sicher ähnlichtönigen Worten: „Das ist mir im Moment wurscht“ und zudem möge man nur wieder ohne Angst auf die Straße gehen. Wie sich diese Phrase „ohne Angst auf die Straße gehen“ überhaupt dermaßen etablieren konnte, bleibt schleierhaft, kann wahrscheinlich nur mit kognitiver Minderbegabung (die übrigens, so unsere einhellige gesellschaftliche Meinung, biologisch bedingt und unabänderbar ist) oder Hysterie erklärt werden – in beiden Fällen – wie es sich im ordentlichen Deutschland gehört – wäre dies ein Fall fürs Heim oder die Anstalt und da braucht man nun wirklich gar keine Angst zu haben, dass man von einem Flüchtling überfallen wird und überhaupt, wieso bleiben diese achsoverängstigten Menschen denn nicht endlich der Straße fern, die ihnen solche Angst macht, dann könnte man sie vielleicht auch mal ernstnehmen, aber nein, da wird protestieren und demonstrieren gegangen, statt sich in der Speisekammer zusammenzukauern und einzukoten, wie es sich für jemanden gehört, der sich von einer gewaltigen Angst bedroht fühlt. Kein Wunder, dass die Politik nichts unternimmt, kommt halt Schizo rüber.

Abgesehen davon ist es eine Frechheit zu behaupten – wie es manche Kommunikationswissenschaftler tun – Kommunikation müsse Mehrwert schaffen. Was muss denn – verdammter Odin da oben in deiner Unterbuxe – noch alles Mehrwert schaffen, himmelkreuzundarschzefix? Reicht es denn nicht langsam mal mit dem ständigen Mehrwert? Kann denn nicht zumindest Kommunikation – das schmierige Bindemittel menschlicher Existenz – zu etwas fähig sein, was in einer Gesellschaft der ständigen Vermehrwertung so anflehend und arschbeißend fehlt: Herstellung von Verständigung? Oder so etwas wie Empathie? Oder einfach mal eine Pause vom Mehrwert (am besten mit einer Milchschnitte in der Hand)? Könnte man Kommunikation denn nicht vielleicht mal dafür nutzbar machen, den Mythos der ständigen Mehrwerterhöhung zu hinterfragen, statt sich diesem räudig zu unterwerfen, damit in dem ganzen Gerede gar nie nie nie wieder etwas gesagt werden wird? Oder wie wärs mit Schweigen? Ginge das?

Naja, fast.

Bleibt abschließend nur zu zitieren:

“Mario, what do you get when you cross an insomniac, an unwilling agnostic and a dyslexic?“

„I give.“

„You get someone who stays up all night torturing himself mentally over the question of whether or not there’s a dog.”

― David Foster Wallace, Infinite Jest

Published inetwas HumorKolumne

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