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Monat: April 2016

Kunstkritik: The night, the self, the mystery

The night, the self, the mystery - Anna Diguera-Florence

Nicht zu Unrecht tost gerade allerorten Begeisterung für Anna Diguera-Florence auf, macht sich Verzückung und Erleuchtung breit, bis in den kleinsten Blickwinkel sogar der kulturverlassenen BRD. Denn mit ihrem neuesten Werk ist der 15-jährigen Photokünstlerin aus Tokio – die Werktags in Kapstadt verweilt und Sonntags immer nach New York fliegt, um einen Käsekuchen zu naschen – der ganz große Coup gelungen. „The night, the self, the mystery“  ist nicht nur ein schillerndes Kompendium an seelischen Zuständen, Hoffnungen, Beschwörungen, Verführungen und Warnungen, es ist weiterhin Zündstoff für die Digitaliselite dieser Welt, die mit dieser Arbeit sicherlich zum Erbeben und Verschütten ihrer Latte Macchiatos gebracht werden wird. Diguera-Florence setzt nämlich vollkraftig in das Zentrum der Postmoderne vor, sticht dort hinein, mit ihrem messerscharfen Blick – den sie an irgendeinem Wetzstein dieser Welt geschärft haben musste, stundenlang, bis er so scharf geworden war, dass er schneidet und schneidet und gar nicht mehr aufhört, wie ein richtig gutes Küchenmesser von Futt® eben – und seziert sensible Momente im Leben des prototypischen jungen Menschen, der Trends setzt und selbst trendgesetzt wird. Sie schneidet ruchlos und mit einer eloquenten Neugier hinein in das fahle Fleisch der 2.014 Hipster-Cliuqe in ihren Szenebezirken und nimmt deren Wichtigstes in das Visier ihres künstlerischen Schaffens: Die einzige Konstante im hipsterialen Universum, die zentrale Kulturtechnik dieser Generation, die einzig für diese jungen Menschen verfügbare ontologische Methode, die eigene Existenz in irgend einer Art zu beweisen – das „Selfie“. Und damit tritt sie einen Kampf an, der sich schon lange abgezeichnet hat und der geführt werden muss, ein Kampf der „Generation Selfie“ mit sich selbst, ganz ihrer eigenen Bestimmung folgend.

Und dennoch wird Maximilian-Benedict erschrecken, sitzend im kleinen Bistro am Kreuzberger Bahndamm, selbstvergessen im Spiegelbild seiner eigenen, schalen Gedanken, die sich darum drehen, wie man einen unrenovierten Altbauraum am stylischsten in einen fetzigen Dark-New-Wave-Bla-Swing-Electro-Club verwandeln könnte oder welche Foodtruck-Kreation er heute zum Mittagessen nur zur Hälfte verspeisen möchte, da er sich nach zwei Bissen immer so voll fühlt, wäääh. Er wird aufschrecken aus seiner halbleer-halbvoll gewordenen Existenz und Diguere-Florences Schonungslosigkeit mit offenen Augen entgegenstarren, die sich auf den neun Portraits unterschiedlichster junger Menschen offenbart. Denn dort zeigt sie genau das, was gerade durch die – nach Rodewitz – degenerierte Gegeneration hindurchfährt und sie gleichsam erschüttert, nämlich eine Ungewissheit darüber, was das Phänomen „Leere“ ist, welchen Bezug es zu diesem herzustellen gilt, wie man damit für sich selbst umgehen könnte, außer sich zu einem Selbstmitleids-Perpetuum-Mobile hochzustilisieren. Ein großes Problem, das Diguere-Florence dort thematisiert, denn eines ist sicher: Diese Leere breitet sich unaufhörlich aus. Sie findet sich in wörtlichen als auch visuellen Ausdrucksmöglichkeiten dieser Generation wieder, zuvorderst natürlich im „Selfie“, dem visuellen Kern der angesprochenen Jugend- und Twenbewegung.

Betrachten wir bspw. Tom Dickenborrow, den die Künstlerin in die Mitte ihres Werkes platziert hat, mit einer photographischen Handwerkskunst, die ihresgleichen sucht, viel zu hochwertig, von einer anderen Qualität, einem Selfie in keinster Weise ähnlich, aber dennoch so zerbrechlich und auf eine unbewusste Wahrnehmung hin dilettantisch, als würde das dünne Ärmchen von Dickenborrow tatsächlich im Espenlaub zittern, der allen Jugendlichen innewohnenden Angst vor sozialer Ausgrenzung und Herabwürdigung geschuldet, dem Kern und dem Beginn späterer Isolation. Gerade sein Porträt hält die anderen acht zusammen, bindet sie, fordert sie heraus und stößt sie leicht ab. Es scheint als spiele er mit ihnen, obwohl er nicht wie jemand wirkt, der irgendetwas spielen könnte außer das lustige Leiterspiel. Er wirkt sogar fast wie der Anführer dieser Gruppe, junger verlorener Seelen, die er nicht versteht und niemals kennenlernen wird, da alle ständig in ihr Handys glotzen und twiddeln. Der junge Mann mit den unsicheren Augen, umrandet von existentiellen Anti-Charismen.

Doch Diguere-Florence verrät noch mehr über sich und vor allem über die Menschen, die sie porträtiert. Es geht ihr nicht nur um Kritik und keineswegs um Bloßstellung. Auch Würdigung ist in ihrem künstlerischen Schaffen stets ein elementares Anliegen und so gelingt es ihr auch, diese Menschen emporzuheben, aus ihren Verhältnissen, in denen sie ein geknechtetes, verächtliches Leben führen müssen, vor den virtuellen Karren unzähliger Großkonzerne gespannt, gehalten als Klicksklaven von Cyberpatrioten, totalitären Weltverbesserern und Monitorköpfen, deren einziges Heil die totale Digitalisierung der totalen Welt ist. Ja, sie erheben sich über diesen Schmutz, den wir ihnen als Gesellschaft aufgelastet haben und werden – durch alle Symbole, Zeichen und Codes hindurch – menschlich und in dieser puren Menschlichkeit, die überhaupt erst erscheinen kann, da sie in einem inhumanen, technokratisierten Kontext sich abbildet – das weiß Diguere-Florence natürlich –, glänzen und scheinen diese jungen Wesen über alles hinweg und durchstoßen die Dunkelheit des Zweifels und des Neids, durch die sie stets schreiten müssen und die Ihnen von anderen geschaffen wird, die ihre Sorgen nicht verstehen, weil sie nicht schön und nicht jung sind und mit Technik nichts anfangen können und weil sich der Videorekorder einfach immer noch nicht richtig programmieren lässt.

Dennoch stieß die Wahlportugiesin, die sich vor allem im schottischen Hochland aufhält und zum Kaffeekränzchen im Amazonas tobakartiges Gebäck auffährt, mit ihrem erstklassigen Werk nicht nur auf positive Kritik. Eine ganze Bewegung an visuellen Anthropologen stellte sich etwa einer Ausstellungseröffnung in Augusta im Bundesstaat Maine in die Quere. Sie blockierten die Räumlichkeiten und beschimpften die Künstlerin als visuelle und handwerkliche Betrügerin, warfen Steine in die Schaufenster und verlangten ihr Geld zurück, das sie noch gar nicht gezahlt hatten. Erschütternd und traurig zugleich, dass nicht ein Hauch an Verwunderung bei diesen Menschen anzutreffen war, über den eigenen Mangel, etwas erkennen zu können, hinter dem Scheinwerferlicht des offensichtlichen, hinter den Fassaden aus zuckriger Realität, hinter den dunklen Flächen der eigenen Seelen. Denn sonst hätten Sie nicht umher gekonnt, sich berührt zu fühlen. Und zwar an allen anständigen und unanständigen Stellen ihrer Existenz. Vielen Dank, Anna Diguere-Florence, für diese Erfahrung.

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