Zum Inhalt

Monat: März 2017

Über: Das Weltgeschehen II

Eigentlich frage ich mich aber auch, worüber man, wenn man noch nicht von einer Profilneurose etwa der Größe von – sagen wir mal – Japan1 befallen ist, man eigentlich noch schreiben sollte. Denn: Es scheint alles schlechter geworden zu sein, doch untergegangen ist die Welt noch nicht. Und natürlich hat Donald Trump (neben seiner allgemeinen Dämonie) eine komische Frisur. Und natürlich stehen wir wunderbar aufgeklärten Menschen über allem, was aus der rechten Höckeecke kommt, spätestens bis zur Bundestagswahl, denn dann werden wir alle überrascht sein und gleichzeitig gewusst haben, was auf uns zugekommen sein wird. Bis dahin könnte man aber noch ein wenig posaunen.

Zum Bleiseil über die ZEIT. Denn dort wird behauptet, dass der Zulauf zu der sogenannten Partei AfD weniger mit dem Einkommen ihrer Fans zu tun hat, als vielmehr mit einer mittelständischen Liebe zu konservativen Werten wie etwa „Respekt gegenüber Hausfrauen. Für eine besser ausgerüstete Polizei. Für ein gegliedertes Schulsystem statt Einheitsschule.“, was ja auch irgendwie plausibel klingt. Diese Hypothese gründet auf einer ominösen Umfrage vom Frühjahr, in der 79% der AfD-Wähler ihre Einkommensverhältnisse als „gut“ bis „sehr gut“ beschreiben, es sich also beim Großteil der Klientel nicht um Menschen mit den drei As2 handeln soll, sondern um gut verdienende Traditionalisten/Erzkonservative oder wie man so etwas nennt (vermutlich Menschen, die den Begriff „Neger“ in für sie adäquat scheinenden Situationen verwenden möchten). Es könnte also sein, wenn man der nicht mit Quellenangaben versehenen Studie Glauben schenken mag, dass es beim großen Rechtsruck weniger um die vom Großkapital als unwert kategorisierten Menschen geht, als vielmehr um die satte, etablierte Mitte der Gesellschaft, die ihre „Errungenschaften“ nicht mit Ausländern teilen möchte. Cool, oder? Das macht Mut.

Dazu kommend, als banales Sahnehäubchen – was dann eher vielleicht ein Sprühsahne- oder Schmandhäubchen wäre –, gesellt sich zur allgemeinen (euphemistisch:) Flüchtlingsskepsis die seltsame Leidenschaft des deutschen Fernsehzuschauers, sich passiv am Lebensalltag von staatlichen Ordnungs- und Sicherheitsbeamten zu ergötzen. Indem er sich bspw. Sendungen wie „Unter Kontrolle“ oder „Außer Kontrolle“ oder „Alles Ordnung“ oder (was weiß ich) „Alles muss ordentlich sein“ reinzieht, in denen Polizisten, Ordnungsamtmitarbeiter oder (was weiß ich) Lebensmittelkontrolleure den ganzen Verbrechern da draußen den Gar ausmachen (was sich zumeist darauf beschränkt, schlecht geschriebene Dialoge aus Dailysoapredakteursschmierfinkfingern runterzuleiern). Ob bei diesem Akt der Selbstverwirrung die Lust an der eigenen Unterdrückung durch staatliche Organe eine Rolle spielt, oder diejenige, staatliche Organe von der Couch aus anzufeuern, den virtuell anderen zu unterdrücken, während man selbst den Staat am liebsten wegbomben möchte, weil dieser es ja nur auf den mickrigen Geldbeutel in der beuligen Hosentasche und darauf abgesehen hat, den Vorgarten mit Flüchtlingen zu überschwemmen, ist eigentlich egal. Es scheint auf jeden Fall ein reichlich perverses Bedürfnis zu sein und auf den Kern des Deutschseins abzuzielen: Das ganz schlimme, schlechte Selbstvertrauen und die Einsicht, dass der Deutsche zu keinem ethischen Leben fähig ist, wenn ihm das Ordnungsamt nicht ständig auf die Griffel schaut. Armer Deutscher. Armer, zerknirschter Deutscher.

Das einzig Gute an diesem ganzen Irrsinn ist vielleicht, dass dieser Wahn überhaupt keine Rolle spielt und der eigentliche Alltagsdeutsche3 eigentlich ganz anders tickt und sich weder für die AfD, noch für Assi-TV interessiert, sondern lieber – bspw. an einem Samstag- oder Sonntagnachmittag – in einer neongelben Steppweste im Gartengrundstück umherstakst, um diesen „fit“ für den Sommer zu machen oder mit einem Anhänger irgendwelche Scheißbretter durch die 30-Zone der Eigenheimsiedlung kutschiert, um entweder geschäftig zu wirken oder geschäftig zu wirken, um sich das erste Bier um 14 Uhr gönnen zu dürfen (nämlich beim Bretterausladen und danach-wieder-auf-den-Scheißhänger-zurück-schlichten mit Udo). Augenzeugenberichten zufolge könnte es durchaus so sein. Andererseits gibt es aber auch Alltagsdeutsche, die in irgendeinem sozialen Medium das Bild eines kräftigen, nackten, gutbehangenen schwarzen Mannes mit der Überschrift „Unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling aus Eritrea sucht Anschluss an eine liebevolle deutsche Familie“ teilen und das weder für bedenklich, noch für einen Klassiker der Neurechten Propaganda halten, sondern einfach nur witzig finden. Die Frage, was den Alltagsdeutschen also bewegt, ob Garten oder Rassismus, Scheißbretter oder rechte Propaganda, es bleibt weiterhin ein Rätsel. Zu hoffen bleibt nur, dass die Ethikkommission des Ordnungsamtes auch in diesen Tagen die deutschen Griffel im Blick hat…

  1. Warum Japan? Japan hat einen mehr als ästhetischen Kontinentalkörper, der – ganz im Gegensatz zu vielen böswilligen Behauptungen – nicht aussieht wie eine krüppelige Genbanane, sondern eher wie ein außergewöhnlicher anmutiger, hübsch gekrümmter Wurmfortsatz und das ist ja wohl ein zwingender Grund
  2. die der Autor süffisant und völlig A-frei als „arbeitslos, asozial und abgehängt“ definiert
  3. also Otto Normal oder Bruno Mittelmaß oder Susi Durchschnitt
Leave a Comment

Über: Das Weltgeschehen I

Manchmal denke ich mir so, wenn ich aus dem Fenster in die majestätischen Schluchten der Rocky-Mountains blicke und an meinem Zigarrenstummel herumspeichele, dass ich eigentlich, tief drin, tiefer drin als bspw. ein Spreisel (man könnte auch Splitter dazu sagen), tiefer drin als manch jeder vaskuläre Dildo dieser Welt, tiefer drin als ein Stückchen Kartoffelgratinverbranntes in der Speiseröhre, dass ich mir so tief drin manchmal gerne einen khakifarbenen Anorak anziehen und Kinder anmotzen möchte. Nicht, dass es mir dabei allein um den Style ginge, diese lockere Mode der Selbstvergessenheit, des „unwichtig, was kommt, so wichtig wird das nicht mehr“, dieser Gewissheit, dass alles total egal ist, dieser altersmilde, gemütliche Zynismus, der sich auch gerne in Nicht- oder Protestwahlen äußert, dieses, dann doch wieder Generation-Y-typisch-modische: Alles ist relativ und von daher auch irgendwie relativ wurscht. Das ist natürlich nur ein Aspekt. Am wichtigsten erscheint es mir, Kinder anzumotzen, weil die immer so lustig reagieren und zwar gar nicht so oft mit – ist ja auch ein Klischee – Weinen, sondern mit ulkigen Grimassen und Morddrohungen oder sie werfen gleich mit ihren kleinen Wurfmessern, die sie stets in ihren kleinen Söckchen verstecken um sich oder sie trommeln ihre Armee von Ratten, die sie seit Jahrhunderten im urbanen Untergrund verwalten, um unliebsame Erwachsene loszuwerden wie bspw. Uwe Barschel, wie das Kinder eben so machen. Das – also das Kinder anmotzen – ist eigentlich der Premiumwunsch hinter meinem Modewunsch, es ist eine Premiumhandlung und ein Premiumgefühl, ganz toll. Ich persönlich finde Kinder mittlerweile übrigens viel menschlicher als vorher, auch wenn sie viele andere Menschen auf dem Gewissen haben. Nachdem ich vermehrt hinfalle, Dinge vergesse, überraschend häufig nuschele und auch immer öfter an einen durchgeführten Spontanmord denke, ist auf irgendeine Art und Weise eine Annäherung geschehen, eine neue Form der Empathie für diese – dem Anschein nach – vormenschlichen Existenzen (obwohl sie natürlich schon mittendrin sind im humanen Universum, schon vorgeburtlich von Kopf bis Fuß auf Mensch eingestellt sind).

Manchmal frage ich mich aber auch, wenn ich mit einem Schnuller gemütlich unter dem Heizkörper liege, warum man selbst im Zustand einer sehr leichten, popalligen, fast nicht ernstzunehmenden Erkältung umgehend in einen Zustand endloser innerer Verdunkelung und Verzweiflung verfallen und alles und jeden verachten muss, das oder der sich wagt, sich in der Peripherie aufzuhalten und das mit ganzem Herzen, mit einem unbekannten jedoch, das hinter dem eigentlichen sitzt und sich nur hervorwagt, wenn virale Prozesse das Immunsystem plagen, einem Herzen im Hinterzimmer des Herzens (Doppelherz zum Beistift, äh Bleispiel), einem verräterischen, das so lange wutschnaubend um sich pocht, bis das letzte bisschen Verstand und Vernunft aus der verschwitzten Wundbirne entwichen ist und alles, was vor dem Infekt sich noch als angenehm und launig herausstellte, nun in einer morastigen Lache der Stagnation vor dem inneren Auge restlos versinkt, wenn nicht sogar verschlungen wird? Man könnte auch Fragen: Warum fühle ich mich während eines Männerschnupfens (obwohl der Frauenschnupfen, entgegen böser Frauenzungen, mindestens genauso schlimm subjektiv verarbeitet wird) immer so blöd und wieso ist dann immer alles so blöde, wäh? Ja, das frage ich mich wirklich.

Zudem habe ich vor kurzem entdeckt, wie man wieder etwas mehr PÄPP!® in das eigene, von einem Kahlschlag des Alterns bedrohte, langsam – vom ideellen her – im Sande verlaufene, nicht nur auf sich selbst gemächlich überflüssig wirkende Leben bringen kann, und zwar: Das T-Shirt vom Vortag an einem Gammelsonntag noch einmal verkehrt herum anziehen. Das lädt nicht nur in einer kris-krossschen Manier zum „jumpen“ ein, alleine schon wegen der Referenz, sondern stellt auch eine wunderbar erheiternde Simulation des subjektiven Erlebens des eigenen Lebens in der eigenen fortschreitenden Raumzeit dar, nämlich, dass sich das Außenherum manchmal von einer irgendwie bekannten, aber doch leicht abweichenden Perspektive zeigt, während es aber genauso muffig bleibt wie zuvor. Das macht einfach Laune. Und außerdem sieht es sehr gut aus.

… (Fortsetzung folgt)

Und hier dat Audio:

Leave a Comment