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Über: Das Weltgeschehen II

Eigentlich frage ich mich aber auch, worüber man, wenn man noch nicht von einer Profilneurose etwa der Größe von – sagen wir mal – Japan1 befallen ist, man eigentlich noch schreiben sollte. Denn: Es scheint alles schlechter geworden zu sein, doch untergegangen ist die Welt noch nicht. Und natürlich hat Donald Trump (neben seiner allgemeinen Dämonie) eine komische Frisur. Und natürlich stehen wir wunderbar aufgeklärten Menschen über allem, was aus der rechten Höckeecke kommt, spätestens bis zur Bundestagswahl, denn dann werden wir alle überrascht sein und gleichzeitig gewusst haben, was auf uns zugekommen sein wird. Bis dahin könnte man aber noch ein wenig posaunen.

Zum Bleiseil über die ZEIT. Denn dort wird behauptet, dass der Zulauf zu der sogenannten Partei AfD weniger mit dem Einkommen ihrer Fans zu tun hat, als vielmehr mit einer mittelständischen Liebe zu konservativen Werten wie etwa „Respekt gegenüber Hausfrauen. Für eine besser ausgerüstete Polizei. Für ein gegliedertes Schulsystem statt Einheitsschule.“, was ja auch irgendwie plausibel klingt. Diese Hypothese gründet auf einer ominösen Umfrage vom Frühjahr, in der 79% der AfD-Wähler ihre Einkommensverhältnisse als „gut“ bis „sehr gut“ beschreiben, es sich also beim Großteil der Klientel nicht um Menschen mit den drei As2 handeln soll, sondern um gut verdienende Traditionalisten/Erzkonservative oder wie man so etwas nennt (vermutlich Menschen, die den Begriff „Neger“ in für sie adäquat scheinenden Situationen verwenden möchten). Es könnte also sein, wenn man der nicht mit Quellenangaben versehenen Studie Glauben schenken mag, dass es beim großen Rechtsruck weniger um die vom Großkapital als unwert kategorisierten Menschen geht, als vielmehr um die satte, etablierte Mitte der Gesellschaft, die ihre „Errungenschaften“ nicht mit Ausländern teilen möchte. Cool, oder? Das macht Mut.

Dazu kommend, als banales Sahnehäubchen – was dann eher vielleicht ein Sprühsahne- oder Schmandhäubchen wäre –, gesellt sich zur allgemeinen (euphemistisch:) Flüchtlingsskepsis die seltsame Leidenschaft des deutschen Fernsehzuschauers, sich passiv am Lebensalltag von staatlichen Ordnungs- und Sicherheitsbeamten zu ergötzen. Indem er sich bspw. Sendungen wie „Unter Kontrolle“ oder „Außer Kontrolle“ oder „Alles Ordnung“ oder (was weiß ich) „Alles muss ordentlich sein“ reinzieht, in denen Polizisten, Ordnungsamtmitarbeiter oder (was weiß ich) Lebensmittelkontrolleure den ganzen Verbrechern da draußen den Gar ausmachen (was sich zumeist darauf beschränkt, schlecht geschriebene Dialoge aus Dailysoapredakteursschmierfinkfingern runterzuleiern). Ob bei diesem Akt der Selbstverwirrung die Lust an der eigenen Unterdrückung durch staatliche Organe eine Rolle spielt, oder diejenige, staatliche Organe von der Couch aus anzufeuern, den virtuell anderen zu unterdrücken, während man selbst den Staat am liebsten wegbomben möchte, weil dieser es ja nur auf den mickrigen Geldbeutel in der beuligen Hosentasche und darauf abgesehen hat, den Vorgarten mit Flüchtlingen zu überschwemmen, ist eigentlich egal. Es scheint auf jeden Fall ein reichlich perverses Bedürfnis zu sein und auf den Kern des Deutschseins abzuzielen: Das ganz schlimme, schlechte Selbstvertrauen und die Einsicht, dass der Deutsche zu keinem ethischen Leben fähig ist, wenn ihm das Ordnungsamt nicht ständig auf die Griffel schaut. Armer Deutscher. Armer, zerknirschter Deutscher.

Das einzig Gute an diesem ganzen Irrsinn ist vielleicht, dass dieser Wahn überhaupt keine Rolle spielt und der eigentliche Alltagsdeutsche3 eigentlich ganz anders tickt und sich weder für die AfD, noch für Assi-TV interessiert, sondern lieber – bspw. an einem Samstag- oder Sonntagnachmittag – in einer neongelben Steppweste im Gartengrundstück umherstakst, um diesen „fit“ für den Sommer zu machen oder mit einem Anhänger irgendwelche Scheißbretter durch die 30-Zone der Eigenheimsiedlung kutschiert, um entweder geschäftig zu wirken oder geschäftig zu wirken, um sich das erste Bier um 14 Uhr gönnen zu dürfen (nämlich beim Bretterausladen und danach-wieder-auf-den-Scheißhänger-zurück-schlichten mit Udo). Augenzeugenberichten zufolge könnte es durchaus so sein. Andererseits gibt es aber auch Alltagsdeutsche, die in irgendeinem sozialen Medium das Bild eines kräftigen, nackten, gutbehangenen schwarzen Mannes mit der Überschrift „Unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling aus Eritrea sucht Anschluss an eine liebevolle deutsche Familie“ teilen und das weder für bedenklich, noch für einen Klassiker der Neurechten Propaganda halten, sondern einfach nur witzig finden. Die Frage, was den Alltagsdeutschen also bewegt, ob Garten oder Rassismus, Scheißbretter oder rechte Propaganda, es bleibt weiterhin ein Rätsel. Zu hoffen bleibt nur, dass die Ethikkommission des Ordnungsamtes auch in diesen Tagen die deutschen Griffel im Blick hat…

  1. Warum Japan? Japan hat einen mehr als ästhetischen Kontinentalkörper, der – ganz im Gegensatz zu vielen böswilligen Behauptungen – nicht aussieht wie eine krüppelige Genbanane, sondern eher wie ein außergewöhnlicher anmutiger, hübsch gekrümmter Wurmfortsatz und das ist ja wohl ein zwingender Grund
  2. die der Autor süffisant und völlig A-frei als „arbeitslos, asozial und abgehängt“ definiert
  3. also Otto Normal oder Bruno Mittelmaß oder Susi Durchschnitt
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