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Monat: April 2017

Augenklavier: Eine halbe Stunde mit Andrea Strauch

Aus dem Zyklus „Begegnungen“:

„Artich, artich, Rea Tauch artich“!
zitternde Hände, gegriffen
nach Schultern [die meinen] zum Halten
erfasst, nochmal, wie der Kreis sich
schließen möchte, doch endlos
bleibt.

„Artich, artich, lieb, lieb, Rea artich!“
ist das Flehen[?], ist das Sehn
sucht[??], ist das ein Versprechen[???]
wie einsam musst du sein, wie
einsam stelle ich dich mir dann
doch nur vor. Wie einsam macht
man dich, hat man dich gemacht.
[immer und noch immer wieder]

„Rea haue, Rea haue!“
deine Faust funkt in den Himmel
ist Symbol für Irgendwas[?], ist
eine Antwort, eine Frage, eine
Nachricht[??] aus dem Nebel, ein
(#)Fanal, das keines werden darf[???].

Du nicht und ich nicht, WIR
fliehn ins unsichtbare Land
// vertrieben // sind wir doch
sie werden uns nicht los.

„Rea nach Hause, Rea nach Hause“
Wird es jemals möglich sein, dir und
deinen Augen, deinem Werden, wahr
haft nah zu kommen, dieses
in Anerkennung zu bedeuten[????]
„Wir sehn uns nächste Woche“
„Ja“
„Wir machen Welten auf“

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Kurzklavier: Ein Anschlag in F-Moll

Eine Klavierminiatur.

Ein Anschlag in F-Moll
es gab keine Verletzten
im Leben geht es wohl darum
ein bisschen Freiheit zu besitzen

Doch wie man da rankommt
weiß ich nicht.
Jetzt sags mir doch endlich [bitte]

Meine Freiheit, ist die Freiheit des Andern auch
Wann kriegt der die?
Wahrscheinlich nie!
Wann hört das Ganze denn endlich auf?

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Rechte Denker I – das Social-media-Volk

Ich weiß, die Allgemeinheit in Deutschland ist nicht nur klug und gebildet, sie denkt auch unheimlich differenziert und tiefgründig. Dennoch gibt es so manche Individuen – und vor allem in diesen unmöglichen sozialen Netzwerken –, die dieser Denktradition deutlich widersagen. Ja, es scheint fast, als würden sie gar nicht erst versuchen, komplexe Themen denkend zu erfassen. Doch nicht nur das: Auch das ethische Denken verweigern diese Menschen strikt, fast inbrünstig. Denn Denken (und vor allem ethisches Denken) macht langsam. Und es nervt alle Beteiligten.

Um die aufgeklärte Allgemeinheit also mit dieser so undeutschen Denkungsart vertraut zu machen, die sich da irgendwo im Internet ereignet, folgen einige Beispiel dieser Premiumdenker, die jeden komplexen Sachverhalt – ganz facebookgerecht – bis ins Absurde verkürzen:

Denkerin Nr. 1

Was Lisi hier macht, nennt man ganz simpel: Simples Denken. Es handelt sich dabei um eine klassische Reduktion, die jegliche gesellschaftliche und geschichtliche Entwicklung außen vor lässt. Stattdessen beruft sich Lisi auf ein (schon wieder) sehr simples Modell von „Gastarbeit“: Gastarbeiter kommt, wenn Arbeit da. Wenn Arbeit weg, dann Gastarbeiter weg. Ob es wirklich so einfach ist? Daran, dass sich weder Politik noch Wirtschaft (vor allem diese nicht) über den Verbleib dieser billigen Arbeitskräfte (also diejenigen, die die Drecksjobs für uns Deutsche erledigt haben) Gedanken gemacht haben, die Wirtschaft als auch die Politik aber von ihnen profitierte (und natürlich auch der deutsche Bürger); dass das geplante Rotationsmodell für Gastarbeiter keine Anwendung fand, da die Praxis dieses überholte; dass eine vernünftige Integrationspolitik verschlafen wurde, diese Menschen letztlich natürlich nicht nur zum Arbeiten nach Deutschland gekommen waren, sondern hier auch leben mussten (wie unhöflich); daran dachte Lisi nicht. Oder sie dachte daran und entschied sich trotzdem für ihre Aussage. Dass mangelnde Bildung ein Kriterium für die deutsche Staatsbürgerschaft sein soll, bleibt ebenfalls ein zu bezweifelnder und damit vielleicht ein alternativer Fakt. Dafür gab es dann auch nur einen Like. Dass man seine Staatsbürgerschaft wegen mangelnder Bildung nicht verlieren kann, sollte Lisi allerdings beruhigen. Ebenso wie Premiumdenker Nr. 2, der ähnliche Ansichten vertritt:

Was Robert da letztlich macht, ist, Lisis provokanten Gedanken zu Ende zu denken, was heißt, ihn weiterhin in kleinkindlicher Manier zu simplifizieren. Auch dafür, leider nur ein Like. Abgesehen davon, dass die Ethik dahinter nicht zu denken ist (schließlich müssten Lisi und Robert einen gewissen Respekt vor anderen Menschen aufbringen, um ihnen ein weniger sklavenähnliches Lebensverhältnis zu wünschen), könnte man aber, um irgendwie einen empathischen Bezug wiederherzustellen, auf Max Frisch hören: „Man hat Arbeitskräfte gerufen, es kamen Menschen“. Wäre ein Anfang.

Denkerin Nr. 3:

Brigitte äußerte dieses Statement (wie die anderen Denker auch) in Bezug auf die Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft, die vor kurzem erneut diskutiert wurde. Mit dieser kurzen und knappen Denkbewegung, die alle Muslime dieser Welt einschließt (und in einer zweiten kurzen Denkbewegung auch das Denken dieser Muslime) und diese für zu verschieden erklärt, hat Brigitte zwar ihre Meinung kundgetan (was ja wichtig ist), aber nicht viele Anhänger gewonnen. Lediglich einen Like erhielt sie hierfür. Wahrscheinlich war die Plumpifizierung doch zu hoch. Eine unverrückbare unterschiedliche Denke von Muslimen und Christen(?), doch nicht differenziert genug, für das kritische Social-Media-Publikum. Aber vielleicht beim nächsten Mal. Was dahintersteckt ist höchstwahrscheinlich eine diffuse Angst vor dem Islam, die ja nicht unbegründet ist, da sie gesellschaftlich diskutiert wird. Weiterhin ist Kritik am Islam erst einmal auch nichts Schlechtes. Diesen allerdings überhaupt nicht tolerieren zu wollen…hm…muss man so weder denken noch äußern. Natürlich darf man dies aber äußern. Und sich danach hoffentlich ein bisschen blöd vorkommen.

Denker Nr. 4:

Dieser Denker, das gilt es anzuerkennen, ist ein kluger Denker. Sowohl Formulierung als auch Rechtschreibung deuten auf einen wachen Geist hin, der zu argumentieren weiß. Nicht umsonst hat er – wohl vor allem auch wegen der Ausführlichkeit – sieben Likes von anderen Mitdenkern erhalten. Auch in der späteren Diskussion zeigte sich dieser Denker zugewandt, denkoffen und sogar konsensfähig. Den Reduktionismus seines Denkens wollte er allerdings nicht einsehen und zwar, dass er vielen(!) Türken unterstellt, dass „diese nicht unter den herrschenden Bedingungen des deutschen Staates leben wollen“ und noch schlimmer, diese lediglich „ihre türkische Kultur mit den Segnungen der Sozialgesetzgebung ausleben“ wollen. Als Beweise hierfür zieht er später sogenannte No-Go-Areas und die Abu Chaker Mafia heran. Oder er hält seine These für bestätigt, wenn ein deutscher Staatsbürger ebenfalls auch noch türkischer Staatsbürger ist. Es ist offensichtlich, dass hier eine sehr naive Kausalität gedacht wird und zwar eine, die den türkischdeutschen Mitbürger stets diskriminiert und dessen Handlungsgründe ins Niederträchtige projiziert. Dass bspw. ein Deutscher mit türkischen Wurzeln seinen Zweitpass nicht abgeben möchte, könnte ebenfalls (und dies muss nicht der alleinige Grund sein) damit zusammenhängen, dass viele Türken – auch wenn sie bereits in der 3. Generation in Deutschland leben – hier immer noch nicht als vollwertige Deutsche gelten und einem Generalverdacht (siehe Beweisstück Facebookpost von Denker Nr. 4 und Denkerin Nr. 3) ausgesetzt sind. Das wäre sogar ein guter Grund. Dennoch wird das Thema noch komplexer sein. Ein Austausch über Handlungsgründe wäre da doch nicht schlecht, oder? Oder überhaupt ein Austausch.

Wir sind am Ende unserer kleinen Exkursion angelangt. Auch wenn man es nicht glauben mag, war das Anliegen dieser Feldstudie nicht die Diskreditierung und/oder Verballhornung der genannten Denkerinnen und Denker. Vielmehr sollte deutlich werden, wie in sozialen Medien nun einmal (laut) gedacht wird und wie schmerzhaft als auch gefährlich zu kurzes Denken klingen kann (aber hoffentlich nicht wirken wird). Es kann daher nicht schaden, weiter zu denken und nicht zu vergessen:

Menschen, die nicht denken, sind wie Schlafwandler – Hannah Arendt

Nachtrag: Da Denken auch stetige Kritik und Dialog benötigt, sind Kommentare (vor allem die besonders kritischen) erwünscht.

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