Als ich geistig behindert war – ein Versuch, zu erahnen

Als ich geistig behindert war konnte ich nicht sprechen. Nicht gut sprechen. Was ich sagte war schief und was anderes gab es nicht. Ich war laut, ganz laut und das war so ähnlich wie sprechen, so ähnlich wie ein Wort. Doch weder ich wusste das, noch die anderen. Die anderen sahen mich komisch an. Ihre Gesichter waren schief, waren immer schief, immer wenn ich etwas zu ihnen sagte. Oder sie waren starr. Oder sie waren wissend. Sie wussten immer, dass ich behindert war. Und ich wusste es auch.

Als ich geistig behindert war, machte ich Ärger. Ich war nichts als Ärger. Und ich wusste von nichts, was nicht Ärger war. Ich lachte und ich schrie. Nichts als Ärger. Das wusste ich. Die anderen auch. Und es war so, als wäre ich anders in dem Ärger, als wäre ich ich darin. Also war ich Ärger so gut es ging. Weil ich sonst nichts war.

Als ich geistig behindert war, war ich in dieser Einrichtung, wo man mir sagte, man würde mich verstehen. Man würde verstehen, dass ich geistig behindert war und man würde mir helfen. Man würde mir helfen, geistig behindert zu sein. Und ich sagte ja, helft mir und man half mir so gut es ging. Und ich fühlte mich besser und dann nichts mehr. Ich war jetzt in Sicherheit und das war ich für immer.

Als ich geistig behindert war, waren da noch andere in dieser Einrichtung. Ich wurde betreut und ich wurde angesprochen von den anderen. Und dort machte ich Ärger, weil ich sonst nichts war und ich gab mein Bestes. Die anderen sagten, sie wüssten wie man mehr sein könnte als Ärger, sie kannten Tricks. Man musste leise sein. Und heimlich. Und manchmal wurde einem gesagt, dass man mehr sei als Ärger, aber was, das wusste ich nicht. Wir wurden gelobt, wenn wir kein Ärger waren, doch dann waren wir gar nichts mehr. Man musste heimlich sein. Und leise. Oder gar nichts.

Als ich geistig behindert war, war ich schon immer so. Ich war nie anders gewesen. So war ich einfach. Ich wusste nicht, ob ich das wollte. Aber war ich behindert, so gut es ging.

Als ich geistig behindert war, war ich immer draußen. Immer Getuschel und immer draußen. Ich konnte da nicht rein und wollte nicht rein. Ich wusste nicht, wie es da drin war. Hier draußen war ich ich, das wusste ich. Da drinnen war ich fremd und anders. Anders nur nicht ich.

Als ich geistig behindert war, konnte ich nicht lieben. Alles was Liebe war, war eigentlich keine Liebe. Es war anders, vielleicht war es Ärger. Lieben konnte ich nicht. Das wusste ich. Und das wussten die anderen. Die anderen wussten alles. Und ich wollte gar nichts mehr wissen.

Als ich geistig behindert war, konnte ich nur schreien und lachen. Mehr konnte ich nicht. Wenn ich lachte, lachten die anderen auch. Wenn ich schrie, schauten sie weg, oder zeigten mit dem Finger oder schrien auch. Oder sie sagten, ich solle nicht schreien. Aber lachen wollte ich auch nicht.

Als ich geistig behindert war, war ich kein Mensch mehr, weil Menschen nicht behindert sind. Menschen wissen und ich wusste gar nichts. Menschen lieben und lieben konnte ich nicht. Menschen konnten mehr als lachen oder schreien. Menschen machten nicht nur Laute. Menschen machten mehr als nur Ärger.

Als ich geistig behindert war, war ich. Bis ich nicht mehr war.

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