Der absurde Mensch – eine Lebenspraxis?

Der absurde Mensch, das ist nicht Til Schweiger, obwohl es für mich persönlich nichts Absurderes gibt als das Wesen, den Menschen Til Schwieger. Ich meine, wie muss es sich anfühlen, Til Schweiger zu sein? Wie würde man ein „beeing Til Schweiger“ erleben? Als eine von außen vermutete totale Dumpfheit, in einem tonalen Meer, tiefen, männlichen Grunzens? Oder offenbarte sich im schweigerschen Bewusstsein eine ungeahnte Komplexität, vielleicht gar ein ganzes Universum? Im nachfolgen Denkversuch[1] geht es nicht um Til Schweiger. Es soll sich um Albert Camus‘ absurden Menschen handeln, um einen Versuch, diesen greifbar zu machen, sich diesen greifbar zu denken und letztlich Möglichkeiten zu finden Camus‘ Philosophie in eine Lebenspraxis zu transformieren, denn genau darauf zielt diese ab. Weiterhin soll dann noch der aussichtslose Versuch gestartet werden, über eine Ethik nachzudenken, die mit Camus‘ Werk vereinbar ist. Aussichtslos, weil es für den absurden Menschen keine Regeln, keine Ethik geben kann . Doch gerade diese Aussichtslosigkeit, dieser Kampf gegen Gipfel, zeigt sich wieder als Erfüllung des absurden Bewusstseins, in einem Kampf für das „nichts“. Doch zunächst:

Das Absurde zeigt sich für Camus in jenem „Zwiespalt zwischen dem sehnsüchtigen Geist und der enttäuschenden Welt, es ist mein Heimweh nach der Einheit, dieses zersplitterte Universum und der Widerspruch, der beide verbindet“ (S. 56)[2]. Diesen Zwiespalt kann man als Kern der absurden Erfahrung bezeichnen, der sich jedoch nicht immer konkret, oftmals unklar, ungenau, auch als Gefühl ausdrückt. Camus spricht hier auch von einem Klima der Absurdität, das man immer wieder zu spüren bekommt, das sich in der Mechanik des Alltags, den täglichen, sinnlos gewordenen Routinen zeigt oder in der „blutigen Mathematik“, die über uns herrscht, die bestimmt, dass wir sterben werden und nichts dagegen tun können. Das Absurde lässt sich auch in der Versklavung durch die Zeit erfahren, in dem Bewusstsein darüber, dass man dieser hilflos ausgeliefert ist, diese sich als Diktator unseres Lebens und Wollens erweist. Und auch in der Erfahrung einer „Dichte“ der Welt, die keine Luft mehr zum Atmen, zum Denken, zum Fühlen lässt (obwohl sie übervoll von fühlbaren Erlebnissen ist), die offenbart, „wie sehr ein Stein fremd ist, undurchdringlich für uns, und mit welcher Intensität die Natur oder Landschaft uns verneint“ (S.21). Letztlich offenbart sich das Absurde ebenfalls in der Erfahrung des Unmenschlichen im Menschlichen, in diesen „gewissen hellsichtigen Stunden“ in denen man das „mechanische Aussehen ihrer Bewegungen, ihre sinnlos gewordene Pantomime“ (S.22) erkennen kann. Camus beschreibt mehrere Gefühle, versucht, nach der Definition seiner Methode „Erscheinungsformen aufzuzählen und das Klima spürbar zu machen“ (S.19) und keine wirkliche Erkenntnis zu erlangen (die er für unmöglich hält).

Der bereits erwähnte Kern der absurden Erfahrung, die Sehnsucht nach klarem Wissen und Einheit (Camus nennt es auch „Heimweh“), offenbart sich jedoch stets in einem Vergleich, in diesem Fall ein Vergleich zwischen der Sehnsucht des Geistes und der Welt, die in unzusammenhängenden Einzelteilen sich dem Geist entzieht, diesen gar verhöhnt. „Könnte man ein einziges Mal sagen: <Das ist klar>, dann wäre alles gerettet“ (S. 34). Stattdessen aber verkünden „diese Männer um die Wette, daß nichts klar und alles ein Chaos sei, daß der Mensch nichts klar sehen und genau erkennen könne – nur die Mauern, die ihn umgeben“ (S. 34). Diese Mauern sind es, die die Sehnsucht zu einer Farce verkommen lassen, sind sie doch mit den (Erkenntnis-)Mitteln des Menschen nicht zu überwinden. Das Absurde erweist sich also im Wesentlichen als ein Zwiespalt. Es beruht auf einem Vergleich „zwischen einem Tatbestand und einer bestimmten Realität, zwischen einer Handlung und der Welt, die stärker als sie ist“ (S. 37).

Die Frage, die sich Camus in seinem Essay stellt, ist: Soll man sich, wenn man sich als aufrichtigen Menschen empfindet (was für Camus heißt, nach den Wahrheiten zu handeln, die man für sich erkannt hat) angesichts dieser Absurdität des Lebens umbringen? Soll man Selbstmord begehen? Oder was kann die Konsequenz der Anerkennung des Absurden sein, wie soll der „absurde Mensch“ leben? Er kommt, nachdem er den philosophischen Selbstmord[3] bei seinen Kollegen, den Existenzphilosophen seiner Zeit kritisiert, zu dem Schluss, dass der Selbstmord keine befriedigende Lösung ist. Dieser wäre die Auslöschung des Absurden und damit – auf eine andere Art und Weise – auch nur wieder Versöhnung mit ihm. Camus formuliert es so: „Den Widerspruch des Lebens leugnen, die Revolte des Bewußtseins widerrufen heißt: dem Problem aus dem Wege gehen. Das Thema der ständigen Revolution geht so in die individuelle Erfahrung ein. Leben heißt: das Absurde leben lassen“ (S. 59). Satt eines Selbstmordes, der als Zustimmung verstanden werden kann, gilt es, als „einzig stichhaltige philosophische Position“ (S. 60), Auflehnung zum Lebensprinzip zu machen, eine metaphysische Auflehnung, die jegliche Vermutung und Hoffnung bekämpft. „[Der Mensch] erkennt seine Zukunft, seine einzige und furchtbare Zukunft, und stürzt sich in sie hinein“ (S. 60).

Man kann in dieser Begründung, die den Selbstmord als Zustimmung interpretiert, durchaus auch eine andere Neigung erkennen. Es entsteht das Gefühl, Camus, nachdem er schonungslos mit den anderen Philosophen und der Welt, die er eindringlich und leidenschaftlich als absurd beschreibt, ins Gericht gegangen ist, sei er vor einem sehr simplen, geradezu einfältigen Prinzip eingeknickt: dem Selbsterhaltungsdrang des menschlichen Lebens. Hat Camus in den absurden Abgrund geschaut und wurde ihm bang angesichts des Todes? War auch er nicht mutig genug, am Schluss die logische Konsequenz aus dem Absurden zu ziehen? Die Auslöschung des Lebens? Diese Fragen stellten sich mir bei der Lektüre. Ich meinte den Angsthasen hinter dem Philosophen entdeckt zu haben, meinte den Duft der Heuchelei zu wittern. Hat sich die strenge Logik, nach der Camus vorgehen wollte, doch ins Gegenteil verkehrt, hängt auch er zu sehr an seinem Leben? Doch seine Begründung für das Leben ist sinnvoll: Das Absurde entsteht gerade durch die Aussicht auf den Tod, der jedes Leben von einer zur anderen Sekunde auslöscht, es nichtig zu machen versteht. Der Tod als der ultimative Gleich- und Sinnlosmacher alles Lebenden. Wieso sollte man sich ihm ohne jeden Kampf hingeben? Ohne jede „Auflehnung“? Es wäre eine Kapitulation vor der „blutigen Mathematik“, die über den Menschen herrscht. Wenn man mit Camus denkt, dann kann man für sich schließen: Die Zeit ist noch nicht gekommen und bis es soweit ist, werde ich „unwiderruflich leben“, in ständiger „Auflehnung“ und „Revolte“. „Es geht darum, unversöhnt und nicht aus freiem Willen zu sterben. Der Selbstmord ist ein Verkennen. Der absurde Mensch kann nur alles ausschöpfen und sich selber erschöpfen. Das Absurde ist seine äußerste Anspannung, an der er beständig mit einer unerhörten Anstrengung festhält; denn er weiß: in diesem Bewußtsein und in dieser Auflehnung bezeugt er Tag für Tag seine einzige Wahrheit, die Herausforderung. Das ist eine erste Schlußfolgerung“ (S. 61).

Wie lebt man als absurder Mensch?

Soweit – nachvollziehbar, aber unkonkret – kann man diesen Überlegungen folgen. Es stellt sich die Frage, wie dieses Leben dann, im Sinne einer „Revolte“ und „Auflehnung“, erfolgen kann? Was bedeutet das? Läuft es auf einen simplen Egoismus hinaus, in dem Sinne: Alles ist erlaubt, lebe wie es dir gefällt?

Zunächst verweist Camus darauf, den Zwiespalt zwischen dem eigenen Geist und der Welt, der das Absurde konstituiert, diesen Bruch, der nur im eigenen Bewusstsein erfahrbar ist, aufrechtzuerhalten, durch „ein beständiges, immer wieder neues, stets angespanntes Bewußtsein. Daran muß ich mich zunächst halten. Mit diesem Augenblick tritt das Absurde, das so evident und gleichzeitig so schwer faßbar ist, in das Leben eines Menschen ein und wird dort heimisch“ (S 58). Die erste Anstrengung des absurden Menschen ist also die Aufrechterhaltung dieser unausweichlichen Wahrheit: Dass das Absurde existiert. Der absurde Mensch, mit diesem angespannten Bewusstsein, „hat es verlernt zu hoffen. Endlich ist die Hölle des Gegenwärtigen sein Reich. Alle Probleme erhalten ihre Schärfe wieder“ (S. 58). Dies klingt nach einem Plädoyer für das Leben im Moment, in der Gegenwart, in dem tatsächlich Erfahr- und Wissbaren der eigenen Existenz. Es erinnert an buddhistische Lehren, die das ganze Welterfahren als eine Illusion behaupten, hinter die es zu blicken gilt, um dadurch die Erlösung vom Leiden zu erfahren. Camus Ansatz zur Selbstbefreiung des Menschen wirkt ähnlich solipsistisch, auf das Individuum und sein Handeln selbst gerichtet, das Andere (zunächst?) vergessend. In der großen und verzweigten buddhistischen Lehre (die als Gesamt natürlich nicht existiert), gibt es später – nach der Erlangung der Erleuchtung, den Rückbezug auf ethische Prinzipien, durch die Figur des „Bodhisattva“, des Erleuchteten, der sich vom Leid befreit hat, um danach ins Leben zurückzukehren und selbstlos das Leid der anderen zu lindern, wie es Buddha wohl auch getan haben soll. Der Erleuchtete kehrt also zurück in das, was er als Illusion erkannt hat, mit einem anderen Bewusstsein, um dann auch entsprechend anders handeln zu können. Er wird ein ethischer Mensch, er hilft dem Anderen, er vergisst sein Selbst, das er als Illusion erkannt hat oder viel eher vergewissert er sich dieser Illusion immer wieder durch Meditation[4]. Er verändert dadurch die Welt durch sein Handeln. Ist dies bei Camus auch der Fall? Findet auch bei ihm ein Rückbezug zum Ethischen statt?

Zunächst zieht er, neben der ständigen Auflehnung, zwei weitere Schlussfolgerungen: die Freiheit und die Leidenschaft des absurden Menschen. Die Freiheit erwächst aus dem Verschwinden einer „ewigen“ Freiheit. Dieses Verschwinden ergibt sich aus der Unlösbarkeit der Frage, ob der Mensch sein eigener Herr (also gottlos) ist oder nicht. Gibt es Gott? Dann ist dieser entweder allmächtig oder böse. Beweisen lässt sich nichts davon. Der „Verlust der Hoffnung und der Zukunft bedeutet für den Menschen einen Zuwachs an Verfügungsrecht“ (S. 62). Die Absurdität eines möglichen Todes, der jederzeit erfolgen kann, macht diese Freiheit zu Nichte, in der sich der Alltagsmensch gerne sieht, innerhalb derer er sich Ziele setzt und Pläne schmiedet. Die Vorstellung, alles mache irgendwie Sinn, ist nicht mehr haltbar. „An den kommenden Tag denken, sich ein Ziel setzen, diese und jene Vorliebe hegen – das alles setzt den Glauben an die Freiheit voraus, selbst wenn man sich manchmal versichert, nichts von ihr zu spüren. Aber jetzt weiß ich, daß es eine höhere Freiheit, diese Freiheit zu sein, die allein eine Wahrheit begründen kann, nicht existiert. Der Tod ist da, als die einzige Realität. Nach ihm ist alles vorbei“ (S. 63). Seine Begründung, warum es keine absolute Freiheit gibt, lautet: „Welche Freiheit im vollen Sinne des Wortes kann es geben ohne die Gewähr einer Ewigkeit?“ (S. 63). Mit dem Tod endet also die Freiheit, die ich mir als Mensch aneignen kann. Alles andere ist Spekulation.

Weiter beschreibt Camus, das man sich der eigenen, illusionären Freiheit zum Sklaven machen kann, gerade in dem man sich für ein freies Wesen hält und sich Ziele setzt, die zu den Zwangsbedingungen des eigenen Lebens werden. Jeder fällt auf diese Illusion herein, die Menschen bestätigen sich gegenseitig in ihrer vermeintlichen Freiheit. Doch das Absurde macht diese Illusion deutlich, diese Hoffnung auf Freiheit, auf Sinn, eine „Art zu sein oder zu schaffen“ (S. 64), die Schranken, die man sich auferlegt hat, die das eigene Leben einzwängen. Dagegen erklärt Camus: „Das Absurde klärt mich über diesen Punkt auf: es gibt kein Morgen. Das ist von nun an die Begründung meiner tiefen Freiheit“ (S. 64). Doch wie sieht diese Freiheit aus? Wie ist diese zu leben? Bedeutet sie einen Rückzug aus der menschlichen Gemeinschaft? Zumindest von ihren Regeln kann Abstand genommen werden. Camus‘ Freiheit offenbart sich in einem Ich-muss-nicht-mehr: „Ebenso fühlt der absurde Mensch, der ganz und gar dem Tode zugewandt ist (der hier als die offensichtlichste Absurdität verstanden wird), sich losgelöst von allem, was nicht zu dieser leidenschaftlichen Aufmerksamkeit gehört, die sich in ihm kristallisiert. Er genießt eine Freiheit im Hinblick auf die allgemein anerkannten Gebote“ (S. 64). Dies bedeutet zunächst, dass die Gesetze, denen man sich Tag ein, Tag aus unterworfen hat, nicht mehr gelten. Diese gilt es zumindest zu hinterfragen, ihren knechtenden Kern (der sich auf eine illusorische Hoffnung gründet) zu erkennen und diesen für den aufrechten, absurden Menschen zu verneinen. So kann man dies zumindest interpretieren. Als Grundlage, als erster Punkt des Denkens, dient dabei die Fokussierung auf den Tod, als die einzige Realität, die zählt.

Diese Methode ähnelt anderen Philosophien. Zunächst sei hier die Philosophie der Samurais[5] erwähnt, der Weg des Bushido, wie er im Hagakure[6] niedergeschrieben ist. Demnach gibt es auch für den Samurai eine tastächliche Wahrheit: den Tod, der jederzeit eintreten kann. Dieser ist das Zentrum seiner Meditation, aus der sich Konzentration und Gelassenheit ergeben, die ihn zu voller Handlungsfähigkeit im Moment der Notwendigkeit befähigen sollen (was für den Samurai bedeutet, furchtlos seine Gegner zu bekämpfen und dabei den Tod sogar zu begrüßen). Ein Zitat über den Tod aus dem Hagakure: „Wenn es irgendeine geheime Formel im Umgang mit dem sicheren Tod gibt, liegt sie in der Vorstellung, daß nichts, was man tut, den Tod vermeiden kann, daß das eigene Leben nichts als ein leerer Traum ist. Hast du das begriffen, sei niemals unaufmerksam gegenüber dem Schatten des Todes, der dicht um deine Füße herumschleicht. Erspare dir keine Mühe, früh darauf vorbereitet zu sein“[7]. Der Samurai zieht aus dieser Meditation des Todes ebenfalls Konsequenzen für seine persönliche Freiheit: Er erkennt, dass diese nicht existiert, dass er dem Shogun treu ergeben ist, dass dies seine Lebensaufgabe ist. Er vermacht sein Leben an seinen Herrscher. Und gewinnt gerade dadurch seine Freiheit und Furchtlosigkeit? Camus zieht als Beispiel für seine absurde Freiheit die Sklaven in der Antike heran, die sich ebenfalls nicht gehörten, die jedoch eine Freiheit kannten, „die darin besteht, sich nicht verantwortlich zu fühlen“ (S. 65). Ist hiermit eine weitere Spur zur absurden Freiheit aufgedeckt? Oder liegt dahinter auch ein Hedonismus der Luststeigerung, also keiner, der „vernünftige Begierden“ diktiert, im Sinne eines Epikur, sondern sich auf die Befriedigung aller Bedürfnisse bezieht? Ist es bei Camus dann doch so einfach?

Eine weitere Assoziation kommt mir in den Kopf, wenn ich diese Zeilen Camus‘ lese, an einen der großen, guten Hollywoodfilme, „Der Club der toten Dichter“. Auch in diesem Film steht das Leben und dessen Ausschöpfung im thematischen Mittelpunkt, flankiert von dem eindringlichen Zitat Henry David Thoreaus: „Ich ging in die Wälder, denn ich wollte wohlüberlegt leben; intensiv leben wollte ich. Das Mark des Lebens in mich aufsaugen, um alles auszurotten was nicht Leben war. Damit ich nicht in der Todesstunde inne würde, daß ich gar nicht gelebt hatte“[8]. Soweit ich weiß bedeutet auch dieses „Mark des Lebens in mich aufsaugen“, nicht in voller Lust und Freude zu existieren, sondern eher jeden Moment des Lebens tatsächlich Leben – das intensive Leben, das Thoreau in den Wäldern suchte, war ein auf das nötigste reduzierte Leben, ein Versuch in Askese, jedoch ohne ein festgelegtes Ziel. Das Leben selbst war das Ziel. Diese Perspektive ähnelt den Gedanken Camus‘, es geht nicht um Ziele, diese sind widersinnig, absurd, da keine Freiheit existiert. „Der absurde Mensch ahnt so ein glühendheißes und eiskaltes, durchsichtiges und begrenztes Universum, in dem nichts möglich, aber alles gegeben ist und jenseits dessen der Zusammenbruch und das Nichts liegen. Nun kann er sich dazu entschließen, das Leben in einem solchen Universum anzuerkennen und aus ihm seine Kraft zu gewinnen, seinen Verzicht auf Hoffnung und die eigensinnige Bekundung eines Lebens ohne Trost“ (S. 65).

Quantität statt Qualität

Was das für die Lebenspraxis bedeuten kann, formuliert Camus gleich im Anschluss an seine Überlegungen zur Freiheit: Für den absurden Menschen gilt, „nicht so gut wie möglich, sondern so lange wie möglich zu leben“ (S. 66). Es gilt die Quantität der Qualität vorzuziehen, denn nichts hat tatsächlich Bedeutung – im metaphysischen Sinne. Hier entsteht ein Bruch zu den Ideen Thoreaus: Nicht die Intensität spielt eine Rolle, also die Qualität, sondern die Dauerhaftigkeit von Leben, die Quantität der Erfahrung. Was bedeutet dies konkret? Es gilt nicht danach zu streben, ein gutes, ein schönes, ein außergewöhnliches Erlebnis zu haben. Es geht nicht um einen Hedonismus des Mehr an Qualität (bspw. mehr an Geld, mehr an Genuss, mehr an Luxus). Jede Bewertung der Erfahrung verbietet sich, das Absurde macht alles gleichwertig und den Menschen gleichgültig. Gleichgültig jedoch, so vermute ich, nicht im Sinne einer Abwertung jeder Erfahrung, sondern ganz im Gegenteil, in deren Würdigung. Alles ist gleichwertvoll und alles gilt, gelebt zu werden. Camus verrät in seinem Essay wenig über das Konkrete der Quantität, wie diese aussehen kann. Erst später wird sie deutlicher, wenn er Don Juan als einen absurden Menschen und sein Leben als absurden Lebensstil näher erklärt. „Don Juan dagegen lenkt den Überdruß. Wenn er eine Frau verläßt, so tut er das absolut nicht, weil er sie nicht mehr begehrt. Eine schöne Frau ist immer begehrenswert. Aber er begehrt eine andere, und das ist – wahrlich! – nicht dasselbe. Dieses Leben füllt ihn ganz aus, und das Schlimmste wäre, es zu verlieren. Dieser Narr ist ein großer Weiser“ (S. 76). Don Juan sei bewusst und infolgedessen absurd. Camus sieht ihn als hellsichtig. „Bis zur Grenze des physischen Todes weiß Don Juan nichts von der Traurigkeit. Sobald er weiß, erschallt sein Gelächter und entschuldigt alles. Er war traurig, solange er hoffte“ (S. 75). Stattdessen weiß er nun zu leben, in der Quantität (hier allerdings der Genüsse). Er schöpft sein Leben aus, er vervielfältigt die Erfahrung der Liebe, statt diese in einer einzigen Person, einer einzigen Geschichte zu finden. Was nicht bedeutet, dass er nicht liebt. Er weiß, so würde Camus sagen, von der Absurdität, von dem Verlangen nach der einen, einzigen Liebe und ihrer Nicht-Existenz. Also wählt er den Weg der Quantität und ist glücklich, bis er stirbt. Zu Beginn des Buches, im Kapitel über Kierkegaard, bezeichnet er diesen als einen Don Juan des Erkennens, da dieser unter vielen Pseudonymen unterschiedlichste Schriften anfertigte, keine Erkenntnis genug für ihn war, er stattdessen immer wieder die nächste suchte. Das ständige Suchen also, die Quantität, auch hier als ein Beispiel für das Handeln eines absurden Menschen. Dennoch ist dieses nicht konkret für das eigene Leben vorstellbar. Auch hier drängt sich mir eine „Hollywood“-Referenz auf: „Der Ja-Sager“ mit Jim Carrey. Der Protagonist beschließt auf einen Rat eines Lebens-Gurus hin (oder vielmehr zwingt er ihn dazu) auf alle Fragen, die ihm gestellt werden, mit „Ja“ zu antworten. Dementsprechend realisiert sich durch diese Haltung eine immense Vielfalt an Erfahrungen, die den Protagonisten verändern, von einem erfahrungsscheuen, unglücklichen Menschen hin zu einem abenteuerlustigen, voller Energie strotzenden Bonvivant. Bis er schließlich die „richtige“ Balance zwischen Ja und Nein erlernen muss, um in der sozialen Gemeinschaft weiterhin anerkannt zu bleiben und auch das Glück der Liebe zu erfahren, das sich an gesellschaftlichen Konventionen orientiert (im Gegensatz zu Don Juan). Auch wenn die Story und die Schlussfolgerungen dieser Komödie mehr als banal sind, kann ich nicht umhin, auch hierin etwas von Camus‘ absurdem Menschen zu erkennen. Doch mehr als Vermutung bleibt auch hier nicht übrig und es bleiben offene Fragen:

Wenn die Qualität nicht interessiert, sollte ich dann auch nach schlechten Erfahrungen streben oder diese zumindest würdigen wie die positiven? Ist es überhaupt sinnvoll zu streben? Gilt es Erfahrungen aktiv herbeizuführen oder darf ich mich im Wind der Ereignisse meines Lebens treiben lassen? Muss ich mich für die Erfahrung entscheiden oder kann ich mich sogar dagegen entscheiden?

Im selben Kapitel jedoch, in dem er den Don Juan beschreibt, lässt Camus einen Satz fallen, der eine weitere zentrale Beschreibung der absurden Lebenspraxis darstellt. Dieser Satz steht einfach zwischen anderen, strahlt zwischen diesen jedoch hervor, wie zufällig dort liegengelassen, wie der verlorene Schlüssel, den man endlich findet: „An den tiefen Sinn der Dinge nicht glauben – das ist die Eigentümlichkeit des absurden Menschen“ (S. 77). Dieser Satz fügt keine neuen Erklärungen hinzu, sein Inhalt ist nach den bisherigen Ausführungen und Überlegungen bereits bekannt, doch – wie jeder gute Satz – bringt dieser das umständlich Zusammengesuchte noch einmal auf den Punkt, es verdichtet die Kompliziertheit, Weitschweifigkeit und Verzweigungen des Denkens. Das kann ein guter Satz.

Die Haltungen des Absurden

Camus beschreibt weitere Haltungen exemplarisch für das Leben des absurden Menschen. Darunter sind der Eroberer und der Schauspieler, der jede Vorführung in eine neue Rolle, ein neues Leben schlüpft und darin stirbt. Er lebt die Quantität unterschiedlichster Lebensentwürfe und Charaktere, die er verkörpert. Er hofft ebenfalls nicht mehr (zumindest, wenn er nicht auf einen Oskar schielt). Eine letzte Haltung – und diese scheint für Camus zentral zu sein, denn er war selbst eher Künstler als Philosoph –, die er beschreibt, ist die schöpferische: Das Schaffen von Kunst ist nicht nur eine Freude per Se[9] und das Kunstwerk nicht nur die „absurde Freude par excellence, sondern das Kunstschaffende ist eine Haltung, die „die absurde Existenz vervollständigen“ (S. 98) kann. Er fährt fort: „Der Kunst kann nie so gut gedient werden wie mit einem negativen Gedanken. Ihre dunklen und demütigen Schritte sind für den Geist eines großen Kunstwerkes ebenso notwendig wie das Schwarze für das Weiße. <Für nichts> arbeiten und schaffen, in Ton meißeln, wissen, daß ein Werk keine Zukunft hat, sein Werk in einem Tag zerstört sehen und wissen, daß das im Grunde nicht wichtiger ist, als für Jahrhunderte zu bauen – das ist die schwierige Weisheit, zu der das absurde Denken bevollmächtigt. Diese beiden Aufgaben gleichzeitig nebeneinander durchzuführen, einerseits leugnen, andererseits erhöhen – das ist der Weg, der sich dem absurden Künstler öffnet. Er muß dem Leeren seine Farben geben“ (S. 118). Dies ist die Haltung, so könnte man vermuten, die Camus für sich selbst gewählt hat. Für einen schaffenden Menschen hat diese zugleich etwas Bedrückendes als auch Befreiendes. Bedrückend dahingehend, da ein tiefer – vielleicht der fundamentale – Grund für das Schaffen beseitigt wird: Das Erlangen von Anerkennung (egal in welcher Form, ob finanziell ob ideell ob als eine Möglichkeit, in Kommunikation zu treten mit der Welt [wie Max Frisch es formuliert] – sie ist auf ein Ziel ausgerichtet). Befreiend dahingehend, da im sinnlosen, wilden Spiel der Kräfte das eigene Künstlerego unwichtig wird, es gewinnt seinen Sinn und seine Kraft aus dem Schaffen selbst, einem Schaffen für nichts.

Und weiter formuliert er über das Denken: „Jedes Denken, das auf die Einheit verzichtet, erhöht die Mannigfaltigkeit. Und die Mannigfaltigkeit ist das Gebiet der Kunst. Das einzige Denken, das den Geist befreit, ist jenes, das ihn allein läßt, in der Gewissheit seiner Grenzen und seines bevorstehenden Endes. Ihn reizt keine Doktrin. Er wartet auf das Reifen des Werkes und des Lebens. Losgelöst von ihm wird das Werk noch einmal die kaum gedämpfte Stimme seiner Seele vernehmen lassen, die für immer von der Hoffnung befreit ist. Oder es wird nichts hören lassen, wenn der Künstler, müde seines Spiels, es abbrechen will. Das bleibt sich gleich“ (S. 120).

Letztlich sind es wieder die Schlagworte Camus‘, die hier zu einer Wiederholung finden: Auflehnung, Freiheit und Mannigfaltigkeit. In dieser begrifflichen Dreifaltigkeit entwickelt sich das skizzierte Denken Camus‘, hier sind die Eckpfeiler des absurden Menschen noch einmal ganz deutlich.

Der Sisyphos als Ideal des absurden Menschen

Letztlich kommt Camus auf die mythologische Figur, die seinem Versuch über das Absurde als Namensgeber dient: den ewigen Rebell Sisyphos. Dieser ist „der Held des Absurden. Dank seinen Leidenschaften und dank seiner Qual. Seine Verachtung der Götter, sein Haß gegen den Tod und seine Liebe zum Leben haben ihm die unsagbare Marter aufgewogen, bei der sein ganzes Sein sich abmüht und nichts zustande bringt. Damit werden die Leidenschaften dieser Erde bezahlt“ (S. 125). Seine Strafe, die ihm die Götter wegen seiner Verfehlungen aufgetragen haben, ist die Hoffnungslosigkeit. Seine Aufgabe dauert ewig. Sie wird nie enden. Es ist ein absurdes Schicksal. Jedoch: „Sisyphos, der ohnmächtige und rebellische Prolet der Götter erkennt das ganze Ausmaß seiner unseligen Lage“, er ist sich seines Schicksals bewusst, ein ähnliches Bewusstsein, wie es der absurde Mensch haben muss, angestrengt und klar auf die Sinnlosigkeit seines Tuns ausgerichtet. „…über sie [die unselige Lage] denkt er während des Abstiegs [vom Gipfel] nach. Das Wissen, das seine eigentliche Qual bewirken sollte, vollendet gleichzeitig seinen Sieg. Es gibt kein Schicksal, das durch Verachtung nicht überwunden werden kann“ (S. 126). Hier ist sie wieder, die camussche Auflehnung. Diese verleiht dem absurden Menschen die Kraft, sein Schicksal zu ertragen. Stolz, voller Widerstand und Lebensfreude. Die Freude des Sisyphos entspringt daraus, dass sein „Schicksal ihm gehört. Sein Fels ist seine Sache. Ebenso läßt der absurde Mensch, wenn er seine Qual bedenkt, alle Götzenbilder schweigen. Im Universum, das plötzlich wieder seinem Schweigen anheimgegeben ist, werden die tausend kleinen, höchst verwunderten Stimmen der Erde laut…Der absurde Mensch sagt Ja, und seine Mühsal hat kein Ende mehr. Wenn es ein persönliches Geschick gibt, dann gibt es kein übergeordnetes Schicksal oder zumindest nur eines, das er unheilvoll und verächtlich findet. Darüber hinaus weiß er sich als Herr seiner Zeit“ (S. 127). Camus beschreibt hier die Rückkehr des Menschen zu seinem Leben und eine Abkehr von den Göttern oder dem einen Gott, der „mit dem Unbehagen und der Vorliebe für nutzlose Schmerzen in sie [die Welt] eingedrungen war“ (S. 127). Das Schicksal wird so zu einer menschlichen Angelegenheit, „die unter Menschen geregelt werden muß“ (S. 127). Diese Abkehr vom Metaphysischen ist eine Kernforderung Camus‘. Sie ist die Konsequenz des Absurden, das dieser Welt angehört, mit dieser untrennbar verbunden ist. Und diesem gilt es nicht zuzustimmen, weder durch Selbstmord oder die Flucht ins ungewisse, den Sprung in den Glauben, sondern zu trotzen, auch wenn dies nicht erfolgreich sein kann. Letztendlich für nichts. Eine traurige, tragische Schlussfolgerung und doch voll vom Versprechen der Befreiung. Ein aussichtsloser Kampf, wie der des Sisyphos. „Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen“ (S. 128). Mit diesen Worten schließt Camus einen Essay ab.

Was heißt das für die eigene Lebenspraxis?

Es wurde versucht, Camus‘ Denken nachzuspüren und es konkret denkbar, greifbar zu machen. Das ist nicht einfach. Camus denkt kunstvoll, poetisch. Er bleibt unkonkret, wo es dem Rezipienten nach Klarheit verlangt. Vielleicht gerade, weil das Konkrete einen Ausschluss des Mannigfaltigen bedeutet, einem Gebot der absurden Haltung. Vielleicht auch, weil es im Leben, in der Philosophie darüber nur schwerlich konkret werden kann, da jede Erfahrung, jedes Denken und Empfinden einzigartig sind. Dennoch konnte nachgespürt, nachgedacht werden darüber, was eine absurde Haltung ausmacht, was zu ihren Kerngedanken zählt, als Indizien für eine eigene Lebenspraxis. Nachfolgend sollen diese Kerne, diese Leitlinien, diese kurzen Gedanken, die nach weiterem Nachdenken, Aufblähen und Umsetzen verlangen, noch einmal zusammengefasst werden:

  • Der absurde Mensch hält durch ein angestrengtes Bewusstsein die Erkenntnis der Absurdität des Lebens aufrecht.
  • Der absurde Mensch erkennt die Möglichkeit eines plötzlichen Todes an: Es gibt kein Morgen, das ist die einzige Realität, die zählt. Dadurch gewinnt er neue, persönliche Freiheit, einen Zuwachs an Verfügungsrecht.
  • Der absurde Mensch hat keine Hoffnung mehr.
  • Der absurde Mensch lebt die Quantität der Erfahrung, nicht die Qualität. Er ist der Qualität gegenüber gleichgültig.
  • Der absurde Mensch hat keine längerfristigen Ziele. Sein Ziel ist lediglich die Erhöhung der Quantität des Lebens.
  • Der absurde Mensch glaubt nicht an den tieferen Sinn der Dinge
  • Der absurde Mensch lebt in ständiger Revolte, Auflehnung und Verachtung. Er schafft und lebt für nichts und doch mit ganzer Leidenschaft.

Mehr als Anregungen für die eigene Lebenspraxis können diese Kerngedanken nicht sein. Mehr müssen sie auch nicht sein.

Was heißt das für die Ethik?

Um den Denkversuch nun noch in die totale Aussichts- und Hoffnungslosigkeit zu manövrieren: Wie ist eine Ethik im Sinne Camus denkbar? Oft genug verweist er in seinem Werk, dass es für den absurden Menschen keine allgemein anerkannten Gebote geben kann, er mit den bürgerlichen Zielen und Werten nichts zu tun hat. Er schreibt etwa: „An dieser Wegbiegung [der Erkenntnis des Absurden] kann ich nicht begreifen, daß eine skeptische Metaphysik sich mit einer Moral des Verzichts verbinden kann“ (S. 61). Leider kommt es nicht zur Ausführung dieses Gedankens und auch nicht zur Erläuterung, was Camus unter einer „Moral des Verzichts“ versteht. Er schließt jedoch an: „Bewußtsein und Auflehnung – diese abschlägigen Antworten sind das Gegenteil von Verzicht. Sie werden gegen das Leben aufgerufen von allem Eigensinn und aller Leidenschaft, deren das menschliche Herz fähig ist“ (S. 61). Ist dies als explizite Berufung auf den „Eigensinn“ den Egoismus zu verstehen? Und wie sähe dieser aus? Es ist auffällig, dass der andere Mensch in Camus‘ Werk kaum eine Rolle spielt. Ebenfalls gibt es keine Gedanken darüber, wie sich dem anderen Menschen gegenüber zu verhalten wäre. Stattdessen gilt die Aufmerksamkeit dem eigenen Leben – wahrscheinlich unumgänglich für die existenzphilosophische Herangehensweise. Es erscheint klar, dass Camus jede Moral ablehnt, die sich auf einen Gott oder ein Leben nach dem Tod beruft. Ganz im Gegenteil schreibt er gegen diese an. Er ist ein Philosoph der Immanenz, nicht der Transzendenz. In dieser möchte er bleiben, ja er propagiert ja gerade das Verbleiben in dieser in hoffnungsloser Auflehnung, alle Erlösung verächtlich von sich stoßend. Ist er aber auch gegen eine Ethik, die sich durch die Welt begründet und nicht durch Göttliches? Verzicht ist eine grundlegende Komponente jeder ethischen Handlung, weshalb diese an sich wahrscheinlich so unattraktiv wirkt. Gerade heutzutage, in einer Welt des Überflusses und ungehemmten Konsums, kommt dem Verzicht eine entscheidende Rolle im ethischen Handeln zu, bspw. im Verzicht des Reichen auf Reichtum oder im Verzicht des Mächtigen auf die Ausübung von Macht. Verzicht kann als ethische Grundhaltung gedacht werden, als die Zügelung der eigenen Interessen und Leidenschaften, damit Platz für die Interessen der anderen wird. Es ist der Widerpart, das Gegenstück des Ich-zuerst oder des America-first. Wenn man so will bedingt ethisches Denken diesen Schritt zurück, zumindest zur Anerkennung einer Gleichwertigkeit des eigenen Verlangens und des Verlangens des Anderen. Wieso sollte ich bevorzugt sein, gegenüber dem Anderen? Wieso ist mein Wollen angemessener? Wieso mein

Verzicht ist jedoch etwas, das Camus nicht im Sinne hat. Dem absurden Menschen soll es um die Anhäufung von Erfahrung gehen, auch wenn unklar ist, ob diese Erfahrungen ausschließlich genussvoll sein sollen oder ob alle Erfahrungen gleichwertig nebeneinanderstehen (was dem absurden Geist viel eher entsprechen würde). Vielleicht gibt ein kurzer Blick auf Wikipedia Aufschluss: „Ohne im Daseinskampf gewonnene Werte ergibt die Revolte keinen Sinn. Aber diese Werte müssen sich auf das richten, was wirklich existiert: auf die Menschen selbst. Was der Mensch braucht, ist „menschliche Wärme“ („chaleur humaine“)[10]. Es kann anscheinend nicht davon ausgegangen werden, dass es ich bei Camus um einen „Egoisten“ handelt, der lediglich seinen Willen vor alle anderen stellt. In seinen Tagebüchern verfasst er etwa: „„Wenn ich hier eine Morallehre schreiben müsste, würde das Buch hundert Seiten umfassen und davon wären 99 leer. Auf die letzte würde ich schreiben: «Ich kenne nur eine einzige Pflicht und das ist die Pflicht zu lieben»“[11]. Dieses Zitat schient einen Aufschluss über sein Denken zu geben: Dass nämlich Systeme der Moral, genauso wie Systeme des Glaubens oder des Wissens, letztlich nichts bedeuten. Sie erliegen ebenso der Absurdität wie alles andere. Schlimmer noch: Gute Absichten verwandeln sich allzu oft in böse Taten, gerade wenn diese als Dogmen verstanden werden. So kann man davon ausgehen, dass Camus ein Gegner der heuchlerischen bürgerlichen Moral war, aber einer nicht explizierten Moral, die dem Menschen dient, durchaus zugeneigt war. Doch abgesehen von Camus: Lassen seine Gedanken auf eine Richtung des Ethischen schließen, die mit seiner Philosophie des Absurden konform sein könnte?

Eine Idee: Der Mensch, der nicht hofft, aber dennoch ankämpft, sich auflehnt, dennoch weiter macht: Dieser Mensch kann durchaus auch als ethisch denkender Mensch verstanden werden. Es gibt keine Hoffnung für ethisches Wollen. Die Welt wird kein Paradies werden. So eine Welt ist nicht denkbar. Dies ist die Bühne für den Sisyphos des Ethischen, Jemanden, der sich für den anderen aufopfert, für nichts. Der nicht einem starren System aus moralischen Dogmen verfällt oder selbst eines entwirft, sondern sich gegen diese auflehnt. Nach welchen Prinzipien er handeln könnte bleibt hier jedoch offen. Sicher ist, dass es eine Angelegenheit unter Menschen wäre. Eine absurde Angelegenheit. Und daher mit höchster Leidenschaft und Anstrengung zu verfolgen.

[1] Denkversuch daher, da der Autor der Meinung ist, dass alles Denken sich nur in Versuchen ereignet, die jederzeit schiefgehen können, die unvollständig, ein Wagnis und eine Suche sind. Und sich stets lohnen.

[2] Alle Zitate ohne weitere Kennzeichnung sind entnommen aus: Albert Camus and Liselotte Richter, Der Mythos Von Sisyphos: Ein Versuch Über Das Absurde, Neuausg, rororo 22198 (Hamburg i.e. Reinbek: Rowohlt, 1997).

[3] mit philosophischem Selbstmord bezeichnet Camus den „Sprung“ des Denkens von der vernunftgemäßen Erkenntnis des Absurden, also der Mauern des eigenen Geistes, hin zu einem transzendentalen, unbeweisbaren, aber beruhigenden Prinzip wie bspw. der Existenz eines Gottes. Dies beobachtet er bei allen Existenzphilosophen, etwa Kierkeegard, der in die Annahme einer göttlichen Existenz springt, um nicht zu verzweifeln oder Husserl, der mit seiner Phänomenologie eine eigentlich absurde (da nur beschreibende und nicht wahrheitsbehauptende) Methode entwickelt hat, der letztlich dann jedoch eine Art von „abstraktem Polytheismus“ propagiert, „außerzeitliche Wesenheiten“ (S. 51) behauptet, die verantwortlich für die Intentionen des Bewusstseins seien und auch somit vor der Erfahrung des Absurden flieht. Camus kritisiert diesen „Sprung“ als ein Ausweichen vor der Schmerzlichkeit der absurden Erfahrung, vielleicht verachtet er dieses Ausweichen auch, zumindest macht ihn dieses nicht zufrieden, da diesen Akt als „Vernunft, die in Verwirrung gerät und sich durch Selbstverneinung befreit“ erkennt. Das Absurde dagegen sei „die erhellte Vernunft, die ihre Grenzen feststellt“ (S. 51).

[4] Wie bspw. Gert Scobel in seinem Buch „Nichtdenken“ den Prozess der Erleuchtung als eine lebenslange Transformationsarbeit der Erleuchtungserfahrung in das alltägliche Leben und Bewusstsein hinein beschreibt. Der Erleuchtete versucht also diese Erfahrung in seinem Bewusstsein zu verankern und dieses so dauerhaft zu transformieren.

[5] Wieder erweist sich das fernöstliche Denken als anschlussfähig heraus.

[6] Das Hagakure stammt von Tsunetomo Yamamoto, einem ehemaligen Samurai und später Zen-Mönch, der das Hagakure zwischen 1710 und 1716 einem Schreiber diktierte.

[7] Tsunetomo Yamamoto, Hagakure, Piper München, 2000, S. 72

[8] https://www.aphorismen.de/zitat/15473

[9] Er zitiert bspw. Nietzsche: „Die Kunst und nichts als die Kunst, wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen“ (S. 98).

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Camus#Menschliche_Solidarit%C3%A4t_und_Liebe_als_Werte

[11] Albert Camus, Tagebücher 1935-1951. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. Copyright © 1963,1967 Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, S. 36. Eintrag vom  September 1937.

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