Dokumentationen von Schönheit

I.
Wenn man in einem Wartezimmer eines chirurgischen Gemeinschaftsarztgebäudekomplexes sitzt, zusammengepfercht, fleischiger Unterarm an fleischigem Unterarm, mit riesigen Monitoren in Augenhöhe, so nahe, dass man das Gesamtbild nur erahnen kann, das da flimmert, und dann ungefähr fünf Mal ein Herr Berger aufgerufen wird und ungefähr fünf mal ein Herr Börger nach vorne zur medizinisch-überfachlichen Assistentin schlürft und er jeden gescheiterten Versuch mit “ach, immer noch nicht ich” quittiert, in seiner seltsam blauen Seglerhose, aber dafür mit einem Gesichtsausdruck absoluter, dahinschmelzender Milde, die sich umgehend ans Herz und ums Gemüt schleicht. Das finde schön.

II.
Ist es schön, wenn eine dralle – also im Sinne einer gerade so in die Kleidung hineinpassenden Dralligkeit, fast zum Zerreißen hin gespannt, nicht unangenehm, aber drall nunmal, ohne sexistischen Hinterton – Radiologieassistentin mit fast übertriebener Geschäftigkeit auf ihrem rollenden Bürostuhl durch das Vorzimmer prescht und dabei bestimmend gegen den Schreibtisch rammelt und in dieser Bewegung fast so wirkt – erkennbar an den die Umgebung überprüfenden Augenwinkelblicken – als spiele sie Schau und zwar jemanden, der geschäftig ist, jedoch dabei – in amerikanisch: – „overacted“ wirkt (was so viel bedeutet wie übertaktet), also irgendwie schief in der Darbietung, gerade so, als solle man unbedingt erkennen, wie schnell und konzentriert sich ihr Handeln vollzieht, fast schon aufdringlich? Vielleicht ist das Schöne daran, dass dieses Schauspiel unweigerlich stattfindet – wenn auch in unterschiedlichen Qualitäten und auf unterschiedliche Ziele visiert –, sobald sich zwei Personen im selben Raum befinden und sich einander so erkennen wollen, bzw. so erkannt werden wollen, wie sie es sich wünschen, wie sie sich ein optimales Erkennen vorstellen, ein Schauspiel, wie es sich in jeder sozialen Sekunde unserer Zeitrechnung gestaltet und wie es sich irritierend und ungenau murmelnd und beklemmend, beschämend und aufregend als auch befreiend durch das kollektive Leben zieht, im Ringen um die eigene und damit um die Anerkennung auch des anderen. Wenn das nicht schön ist?

III.
Wenn Sabine, auf deren abgedunkelter VW-Poloheckscheibe keck „Sabines Beautyecke“ in weißen Lettern klebt, so gar nicht nach Beauty aussehen möchte, sondern eher nach 40 Jahren Coffee and Cigarettes and Existenzkampf im Niedriglohnsegment, der tiefe Schützengräben der Demütigung in ihrem Gesicht hinterlassen hat, und im selben Moment, als sie im Polo an der Ampel zu stehen kommt, zwei junge Grazien die Straße überqueren, die ihre naive Schönheit der Jugend im Gesicht spazieren tragen, die immer irgendwie leer wirkt, da noch relativ inhaltslos, aber strahlend beschwingt und diese Sabine lediglich eines kurzen, nicht erwähnenswerten Blickes würdigen, der die Situation melancholisch übermalt, ebenso wie die Stimme Thom Yorkes im Radio, die singt „im not living, im just killing time“, dann finde ich das schön. Zumindest mit der vagen, eigentlich nicht zu validierenden Gewissheit, dass Sabine weitermachen wird.

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