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Autor: Moschauer

Rechte Denker I – das Social-media-Volk

Ich weiß, die Allgemeinheit in Deutschland ist nicht nur klug und gebildet, sie denkt auch unheimlich differenziert und tiefgründig. Dennoch gibt es so manche Individuen – und vor allem in diesen unmöglichen sozialen Netzwerken –, die dieser Denktradition deutlich widersagen. Ja, es scheint fast, als würden sie gar nicht erst versuchen, komplexe Themen denkend zu erfassen. Doch nicht nur das: Auch das ethische Denken verweigern diese Menschen strikt, fast inbrünstig. Denn Denken (und vor allem ethisches Denken) macht langsam. Und es nervt alle Beteiligten.

Um die aufgeklärte Allgemeinheit also mit dieser so undeutschen Denkungsart vertraut zu machen, die sich da irgendwo im Internet ereignet, folgen einige Beispiel dieser Premiumdenker, die jeden komplexen Sachverhalt – ganz facebookgerecht – bis ins Absurde verkürzen:

Denkerin Nr. 1

Was Lisi hier macht, nennt man ganz simpel: Simples Denken. Es handelt sich dabei um eine klassische Reduktion, die jegliche gesellschaftliche und geschichtliche Entwicklung außen vor lässt. Stattdessen beruft sich Lisi auf ein (schon wieder) sehr simples Modell von „Gastarbeit“: Gastarbeiter kommt, wenn Arbeit da. Wenn Arbeit weg, dann Gastarbeiter weg. Ob es wirklich so einfach ist? Daran, dass sich weder Politik noch Wirtschaft (vor allem diese nicht) über den Verbleib dieser billigen Arbeitskräfte (also diejenigen, die die Drecksjobs für uns Deutsche erledigt haben) Gedanken gemacht haben, die Wirtschaft als auch die Politik aber von ihnen profitierte (und natürlich auch der deutsche Bürger); dass das geplante Rotationsmodell für Gastarbeiter keine Anwendung fand, da die Praxis dieses überholte; dass eine vernünftige Integrationspolitik verschlafen wurde, diese Menschen letztlich natürlich nicht nur zum Arbeiten nach Deutschland gekommen waren, sondern hier auch leben mussten (wie unhöflich); daran dachte Lisi nicht. Oder sie dachte daran und entschied sich trotzdem für ihre Aussage. Dass mangelnde Bildung ein Kriterium für die deutsche Staatsbürgerschaft sein soll, bleibt ebenfalls ein zu bezweifelnder und damit vielleicht ein alternativer Fakt. Dafür gab es dann auch nur einen Like. Dass man seine Staatsbürgerschaft wegen mangelnder Bildung nicht verlieren kann, sollte Lisi allerdings beruhigen. Ebenso wie Premiumdenker Nr. 2, der ähnliche Ansichten vertritt:

Was Robert da letztlich macht, ist, Lisis provokanten Gedanken zu Ende zu denken, was heißt, ihn weiterhin in kleinkindlicher Manier zu simplifizieren. Auch dafür, leider nur ein Like. Abgesehen davon, dass die Ethik dahinter nicht zu denken ist (schließlich müssten Lisi und Robert einen gewissen Respekt vor anderen Menschen aufbringen, um ihnen ein weniger sklavenähnliches Lebensverhältnis zu wünschen), könnte man aber, um irgendwie einen empathischen Bezug wiederherzustellen, auf Max Frisch hören: „Man hat Arbeitskräfte gerufen, es kamen Menschen“. Wäre ein Anfang.

Denkerin Nr. 3:

Brigitte äußerte dieses Statement (wie die anderen Denker auch) in Bezug auf die Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft, die vor kurzem erneut diskutiert wurde. Mit dieser kurzen und knappen Denkbewegung, die alle Muslime dieser Welt einschließt (und in einer zweiten kurzen Denkbewegung auch das Denken dieser Muslime) und diese für zu verschieden erklärt, hat Brigitte zwar ihre Meinung kundgetan (was ja wichtig ist), aber nicht viele Anhänger gewonnen. Lediglich einen Like erhielt sie hierfür. Wahrscheinlich war die Plumpifizierung doch zu hoch. Eine unverrückbare unterschiedliche Denke von Muslimen und Christen(?), doch nicht differenziert genug, für das kritische Social-Media-Publikum. Aber vielleicht beim nächsten Mal. Was dahintersteckt ist höchstwahrscheinlich eine diffuse Angst vor dem Islam, die ja nicht unbegründet ist, da sie gesellschaftlich diskutiert wird. Weiterhin ist Kritik am Islam erst einmal auch nichts Schlechtes. Diesen allerdings überhaupt nicht tolerieren zu wollen…hm…muss man so weder denken noch äußern. Natürlich darf man dies aber äußern. Und sich danach hoffentlich ein bisschen blöd vorkommen.

Denker Nr. 4:

Dieser Denker, das gilt es anzuerkennen, ist ein kluger Denker. Sowohl Formulierung als auch Rechtschreibung deuten auf einen wachen Geist hin, der zu argumentieren weiß. Nicht umsonst hat er – wohl vor allem auch wegen der Ausführlichkeit – sieben Likes von anderen Mitdenkern erhalten. Auch in der späteren Diskussion zeigte sich dieser Denker zugewandt, denkoffen und sogar konsensfähig. Den Reduktionismus seines Denkens wollte er allerdings nicht einsehen und zwar, dass er vielen(!) Türken unterstellt, dass „diese nicht unter den herrschenden Bedingungen des deutschen Staates leben wollen“ und noch schlimmer, diese lediglich „ihre türkische Kultur mit den Segnungen der Sozialgesetzgebung ausleben“ wollen. Als Beweise hierfür zieht er später sogenannte No-Go-Areas und die Abu Chaker Mafia heran. Oder er hält seine These für bestätigt, wenn ein deutscher Staatsbürger ebenfalls auch noch türkischer Staatsbürger ist. Es ist offensichtlich, dass hier eine sehr naive Kausalität gedacht wird und zwar eine, die den türkischdeutschen Mitbürger stets diskriminiert und dessen Handlungsgründe ins Niederträchtige projiziert. Dass bspw. ein Deutscher mit türkischen Wurzeln seinen Zweitpass nicht abgeben möchte, könnte ebenfalls (und dies muss nicht der alleinige Grund sein) damit zusammenhängen, dass viele Türken – auch wenn sie bereits in der 3. Generation in Deutschland leben – hier immer noch nicht als vollwertige Deutsche gelten und einem Generalverdacht (siehe Beweisstück Facebookpost von Denker Nr. 4 und Denkerin Nr. 3) ausgesetzt sind. Das wäre sogar ein guter Grund. Dennoch wird das Thema noch komplexer sein. Ein Austausch über Handlungsgründe wäre da doch nicht schlecht, oder? Oder überhaupt ein Austausch.

Wir sind am Ende unserer kleinen Exkursion angelangt. Auch wenn man es nicht glauben mag, war das Anliegen dieser Feldstudie nicht die Diskreditierung und/oder Verballhornung der genannten Denkerinnen und Denker. Vielmehr sollte deutlich werden, wie in sozialen Medien nun einmal (laut) gedacht wird und wie schmerzhaft als auch gefährlich zu kurzes Denken klingen kann (aber hoffentlich nicht wirken wird). Es kann daher nicht schaden, weiter zu denken und nicht zu vergessen:

Menschen, die nicht denken, sind wie Schlafwandler – Hannah Arendt

Nachtrag: Da Denken auch stetige Kritik und Dialog benötigt, sind Kommentare (vor allem die besonders kritischen) erwünscht.

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Über: Das Weltgeschehen II

Eigentlich frage ich mich aber auch, worüber man, wenn man noch nicht von einer Profilneurose etwa der Größe von – sagen wir mal – Japan1 befallen ist, man eigentlich noch schreiben sollte. Denn: Es scheint alles schlechter geworden zu sein, doch untergegangen ist die Welt noch nicht. Und natürlich hat Donald Trump (neben seiner allgemeinen Dämonie) eine komische Frisur. Und natürlich stehen wir wunderbar aufgeklärten Menschen über allem, was aus der rechten Höckeecke kommt, spätestens bis zur Bundestagswahl, denn dann werden wir alle überrascht sein und gleichzeitig gewusst haben, was auf uns zugekommen sein wird. Bis dahin könnte man aber noch ein wenig posaunen.

Zum Bleiseil über die ZEIT. Denn dort wird behauptet, dass der Zulauf zu der sogenannten Partei AfD weniger mit dem Einkommen ihrer Fans zu tun hat, als vielmehr mit einer mittelständischen Liebe zu konservativen Werten wie etwa „Respekt gegenüber Hausfrauen. Für eine besser ausgerüstete Polizei. Für ein gegliedertes Schulsystem statt Einheitsschule.“, was ja auch irgendwie plausibel klingt. Diese Hypothese gründet auf einer ominösen Umfrage vom Frühjahr, in der 79% der AfD-Wähler ihre Einkommensverhältnisse als „gut“ bis „sehr gut“ beschreiben, es sich also beim Großteil der Klientel nicht um Menschen mit den drei As2 handeln soll, sondern um gut verdienende Traditionalisten/Erzkonservative oder wie man so etwas nennt (vermutlich Menschen, die den Begriff „Neger“ in für sie adäquat scheinenden Situationen verwenden möchten). Es könnte also sein, wenn man der nicht mit Quellenangaben versehenen Studie Glauben schenken mag, dass es beim großen Rechtsruck weniger um die vom Großkapital als unwert kategorisierten Menschen geht, als vielmehr um die satte, etablierte Mitte der Gesellschaft, die ihre „Errungenschaften“ nicht mit Ausländern teilen möchte. Cool, oder? Das macht Mut.

Dazu kommend, als banales Sahnehäubchen – was dann eher vielleicht ein Sprühsahne- oder Schmandhäubchen wäre –, gesellt sich zur allgemeinen (euphemistisch:) Flüchtlingsskepsis die seltsame Leidenschaft des deutschen Fernsehzuschauers, sich passiv am Lebensalltag von staatlichen Ordnungs- und Sicherheitsbeamten zu ergötzen. Indem er sich bspw. Sendungen wie „Unter Kontrolle“ oder „Außer Kontrolle“ oder „Alles Ordnung“ oder (was weiß ich) „Alles muss ordentlich sein“ reinzieht, in denen Polizisten, Ordnungsamtmitarbeiter oder (was weiß ich) Lebensmittelkontrolleure den ganzen Verbrechern da draußen den Gar ausmachen (was sich zumeist darauf beschränkt, schlecht geschriebene Dialoge aus Dailysoapredakteursschmierfinkfingern runterzuleiern). Ob bei diesem Akt der Selbstverwirrung die Lust an der eigenen Unterdrückung durch staatliche Organe eine Rolle spielt, oder diejenige, staatliche Organe von der Couch aus anzufeuern, den virtuell anderen zu unterdrücken, während man selbst den Staat am liebsten wegbomben möchte, weil dieser es ja nur auf den mickrigen Geldbeutel in der beuligen Hosentasche und darauf abgesehen hat, den Vorgarten mit Flüchtlingen zu überschwemmen, ist eigentlich egal. Es scheint auf jeden Fall ein reichlich perverses Bedürfnis zu sein und auf den Kern des Deutschseins abzuzielen: Das ganz schlimme, schlechte Selbstvertrauen und die Einsicht, dass der Deutsche zu keinem ethischen Leben fähig ist, wenn ihm das Ordnungsamt nicht ständig auf die Griffel schaut. Armer Deutscher. Armer, zerknirschter Deutscher.

Das einzig Gute an diesem ganzen Irrsinn ist vielleicht, dass dieser Wahn überhaupt keine Rolle spielt und der eigentliche Alltagsdeutsche3 eigentlich ganz anders tickt und sich weder für die AfD, noch für Assi-TV interessiert, sondern lieber – bspw. an einem Samstag- oder Sonntagnachmittag – in einer neongelben Steppweste im Gartengrundstück umherstakst, um diesen „fit“ für den Sommer zu machen oder mit einem Anhänger irgendwelche Scheißbretter durch die 30-Zone der Eigenheimsiedlung kutschiert, um entweder geschäftig zu wirken oder geschäftig zu wirken, um sich das erste Bier um 14 Uhr gönnen zu dürfen (nämlich beim Bretterausladen und danach-wieder-auf-den-Scheißhänger-zurück-schlichten mit Udo). Augenzeugenberichten zufolge könnte es durchaus so sein. Andererseits gibt es aber auch Alltagsdeutsche, die in irgendeinem sozialen Medium das Bild eines kräftigen, nackten, gutbehangenen schwarzen Mannes mit der Überschrift „Unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling aus Eritrea sucht Anschluss an eine liebevolle deutsche Familie“ teilen und das weder für bedenklich, noch für einen Klassiker der Neurechten Propaganda halten, sondern einfach nur witzig finden. Die Frage, was den Alltagsdeutschen also bewegt, ob Garten oder Rassismus, Scheißbretter oder rechte Propaganda, es bleibt weiterhin ein Rätsel. Zu hoffen bleibt nur, dass die Ethikkommission des Ordnungsamtes auch in diesen Tagen die deutschen Griffel im Blick hat…

  1. Warum Japan? Japan hat einen mehr als ästhetischen Kontinentalkörper, der – ganz im Gegensatz zu vielen böswilligen Behauptungen – nicht aussieht wie eine krüppelige Genbanane, sondern eher wie ein außergewöhnlicher anmutiger, hübsch gekrümmter Wurmfortsatz und das ist ja wohl ein zwingender Grund
  2. die der Autor süffisant und völlig A-frei als „arbeitslos, asozial und abgehängt“ definiert
  3. also Otto Normal oder Bruno Mittelmaß oder Susi Durchschnitt
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Über: Das Weltgeschehen I

Manchmal denke ich mir so, wenn ich aus dem Fenster in die majestätischen Schluchten der Rocky-Mountains blicke und an meinem Zigarrenstummel herumspeichele, dass ich eigentlich, tief drin, tiefer drin als bspw. ein Spreisel (man könnte auch Splitter dazu sagen), tiefer drin als manch jeder vaskuläre Dildo dieser Welt, tiefer drin als ein Stückchen Kartoffelgratinverbranntes in der Speiseröhre, dass ich mir so tief drin manchmal gerne einen khakifarbenen Anorak anziehen und Kinder anmotzen möchte. Nicht, dass es mir dabei allein um den Style ginge, diese lockere Mode der Selbstvergessenheit, des „unwichtig, was kommt, so wichtig wird das nicht mehr“, dieser Gewissheit, dass alles total egal ist, dieser altersmilde, gemütliche Zynismus, der sich auch gerne in Nicht- oder Protestwahlen äußert, dieses, dann doch wieder Generation-Y-typisch-modische: Alles ist relativ und von daher auch irgendwie relativ wurscht. Das ist natürlich nur ein Aspekt. Am wichtigsten erscheint es mir, Kinder anzumotzen, weil die immer so lustig reagieren und zwar gar nicht so oft mit – ist ja auch ein Klischee – Weinen, sondern mit ulkigen Grimassen und Morddrohungen oder sie werfen gleich mit ihren kleinen Wurfmessern, die sie stets in ihren kleinen Söckchen verstecken um sich oder sie trommeln ihre Armee von Ratten, die sie seit Jahrhunderten im urbanen Untergrund verwalten, um unliebsame Erwachsene loszuwerden wie bspw. Uwe Barschel, wie das Kinder eben so machen. Das – also das Kinder anmotzen – ist eigentlich der Premiumwunsch hinter meinem Modewunsch, es ist eine Premiumhandlung und ein Premiumgefühl, ganz toll. Ich persönlich finde Kinder mittlerweile übrigens viel menschlicher als vorher, auch wenn sie viele andere Menschen auf dem Gewissen haben. Nachdem ich vermehrt hinfalle, Dinge vergesse, überraschend häufig nuschele und auch immer öfter an einen durchgeführten Spontanmord denke, ist auf irgendeine Art und Weise eine Annäherung geschehen, eine neue Form der Empathie für diese – dem Anschein nach – vormenschlichen Existenzen (obwohl sie natürlich schon mittendrin sind im humanen Universum, schon vorgeburtlich von Kopf bis Fuß auf Mensch eingestellt sind).

Manchmal frage ich mich aber auch, wenn ich mit einem Schnuller gemütlich unter dem Heizkörper liege, warum man selbst im Zustand einer sehr leichten, popalligen, fast nicht ernstzunehmenden Erkältung umgehend in einen Zustand endloser innerer Verdunkelung und Verzweiflung verfallen und alles und jeden verachten muss, das oder der sich wagt, sich in der Peripherie aufzuhalten und das mit ganzem Herzen, mit einem unbekannten jedoch, das hinter dem eigentlichen sitzt und sich nur hervorwagt, wenn virale Prozesse das Immunsystem plagen, einem Herzen im Hinterzimmer des Herzens (Doppelherz zum Beistift, äh Bleispiel), einem verräterischen, das so lange wutschnaubend um sich pocht, bis das letzte bisschen Verstand und Vernunft aus der verschwitzten Wundbirne entwichen ist und alles, was vor dem Infekt sich noch als angenehm und launig herausstellte, nun in einer morastigen Lache der Stagnation vor dem inneren Auge restlos versinkt, wenn nicht sogar verschlungen wird? Man könnte auch Fragen: Warum fühle ich mich während eines Männerschnupfens (obwohl der Frauenschnupfen, entgegen böser Frauenzungen, mindestens genauso schlimm subjektiv verarbeitet wird) immer so blöd und wieso ist dann immer alles so blöde, wäh? Ja, das frage ich mich wirklich.

Zudem habe ich vor kurzem entdeckt, wie man wieder etwas mehr PÄPP!® in das eigene, von einem Kahlschlag des Alterns bedrohte, langsam – vom ideellen her – im Sande verlaufene, nicht nur auf sich selbst gemächlich überflüssig wirkende Leben bringen kann, und zwar: Das T-Shirt vom Vortag an einem Gammelsonntag noch einmal verkehrt herum anziehen. Das lädt nicht nur in einer kris-krossschen Manier zum „jumpen“ ein, alleine schon wegen der Referenz, sondern stellt auch eine wunderbar erheiternde Simulation des subjektiven Erlebens des eigenen Lebens in der eigenen fortschreitenden Raumzeit dar, nämlich, dass sich das Außenherum manchmal von einer irgendwie bekannten, aber doch leicht abweichenden Perspektive zeigt, während es aber genauso muffig bleibt wie zuvor. Das macht einfach Laune. Und außerdem sieht es sehr gut aus.

… (Fortsetzung folgt)

Und hier dat Audio:

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Kunstkritik: The night, the self, the mystery

The night, the self, the mystery - Anna Diguera-Florence

Nicht zu Unrecht tost gerade allerorten Begeisterung für Anna Diguera-Florence auf, macht sich Verzückung und Erleuchtung breit, bis in den kleinsten Blickwinkel sogar der kulturverlassenen BRD. Denn mit ihrem neuesten Werk ist der 15-jährigen Photokünstlerin aus Tokio – die Werktags in Kapstadt verweilt und Sonntags immer nach New York fliegt, um einen Käsekuchen zu naschen – der ganz große Coup gelungen. „The night, the self, the mystery“  ist nicht nur ein schillerndes Kompendium an seelischen Zuständen, Hoffnungen, Beschwörungen, Verführungen und Warnungen, es ist weiterhin Zündstoff für die Digitaliselite dieser Welt, die mit dieser Arbeit sicherlich zum Erbeben und Verschütten ihrer Latte Macchiatos gebracht werden wird. Diguera-Florence setzt nämlich vollkraftig in das Zentrum der Postmoderne vor, sticht dort hinein, mit ihrem messerscharfen Blick – den sie an irgendeinem Wetzstein dieser Welt geschärft haben musste, stundenlang, bis er so scharf geworden war, dass er schneidet und schneidet und gar nicht mehr aufhört, wie ein richtig gutes Küchenmesser von Futt® eben – und seziert sensible Momente im Leben des prototypischen jungen Menschen, der Trends setzt und selbst trendgesetzt wird. Sie schneidet ruchlos und mit einer eloquenten Neugier hinein in das fahle Fleisch der 2.014 Hipster-Cliuqe in ihren Szenebezirken und nimmt deren Wichtigstes in das Visier ihres künstlerischen Schaffens: Die einzige Konstante im hipsterialen Universum, die zentrale Kulturtechnik dieser Generation, die einzig für diese jungen Menschen verfügbare ontologische Methode, die eigene Existenz in irgend einer Art zu beweisen – das „Selfie“. Und damit tritt sie einen Kampf an, der sich schon lange abgezeichnet hat und der geführt werden muss, ein Kampf der „Generation Selfie“ mit sich selbst, ganz ihrer eigenen Bestimmung folgend.

Und dennoch wird Maximilian-Benedict erschrecken, sitzend im kleinen Bistro am Kreuzberger Bahndamm, selbstvergessen im Spiegelbild seiner eigenen, schalen Gedanken, die sich darum drehen, wie man einen unrenovierten Altbauraum am stylischsten in einen fetzigen Dark-New-Wave-Bla-Swing-Electro-Club verwandeln könnte oder welche Foodtruck-Kreation er heute zum Mittagessen nur zur Hälfte verspeisen möchte, da er sich nach zwei Bissen immer so voll fühlt, wäääh. Er wird aufschrecken aus seiner halbleer-halbvoll gewordenen Existenz und Diguere-Florences Schonungslosigkeit mit offenen Augen entgegenstarren, die sich auf den neun Portraits unterschiedlichster junger Menschen offenbart. Denn dort zeigt sie genau das, was gerade durch die – nach Rodewitz – degenerierte Gegeneration hindurchfährt und sie gleichsam erschüttert, nämlich eine Ungewissheit darüber, was das Phänomen „Leere“ ist, welchen Bezug es zu diesem herzustellen gilt, wie man damit für sich selbst umgehen könnte, außer sich zu einem Selbstmitleids-Perpetuum-Mobile hochzustilisieren. Ein großes Problem, das Diguere-Florence dort thematisiert, denn eines ist sicher: Diese Leere breitet sich unaufhörlich aus. Sie findet sich in wörtlichen als auch visuellen Ausdrucksmöglichkeiten dieser Generation wieder, zuvorderst natürlich im „Selfie“, dem visuellen Kern der angesprochenen Jugend- und Twenbewegung.

Betrachten wir bspw. Tom Dickenborrow, den die Künstlerin in die Mitte ihres Werkes platziert hat, mit einer photographischen Handwerkskunst, die ihresgleichen sucht, viel zu hochwertig, von einer anderen Qualität, einem Selfie in keinster Weise ähnlich, aber dennoch so zerbrechlich und auf eine unbewusste Wahrnehmung hin dilettantisch, als würde das dünne Ärmchen von Dickenborrow tatsächlich im Espenlaub zittern, der allen Jugendlichen innewohnenden Angst vor sozialer Ausgrenzung und Herabwürdigung geschuldet, dem Kern und dem Beginn späterer Isolation. Gerade sein Porträt hält die anderen acht zusammen, bindet sie, fordert sie heraus und stößt sie leicht ab. Es scheint als spiele er mit ihnen, obwohl er nicht wie jemand wirkt, der irgendetwas spielen könnte außer das lustige Leiterspiel. Er wirkt sogar fast wie der Anführer dieser Gruppe, junger verlorener Seelen, die er nicht versteht und niemals kennenlernen wird, da alle ständig in ihr Handys glotzen und twiddeln. Der junge Mann mit den unsicheren Augen, umrandet von existentiellen Anti-Charismen.

Doch Diguere-Florence verrät noch mehr über sich und vor allem über die Menschen, die sie porträtiert. Es geht ihr nicht nur um Kritik und keineswegs um Bloßstellung. Auch Würdigung ist in ihrem künstlerischen Schaffen stets ein elementares Anliegen und so gelingt es ihr auch, diese Menschen emporzuheben, aus ihren Verhältnissen, in denen sie ein geknechtetes, verächtliches Leben führen müssen, vor den virtuellen Karren unzähliger Großkonzerne gespannt, gehalten als Klicksklaven von Cyberpatrioten, totalitären Weltverbesserern und Monitorköpfen, deren einziges Heil die totale Digitalisierung der totalen Welt ist. Ja, sie erheben sich über diesen Schmutz, den wir ihnen als Gesellschaft aufgelastet haben und werden – durch alle Symbole, Zeichen und Codes hindurch – menschlich und in dieser puren Menschlichkeit, die überhaupt erst erscheinen kann, da sie in einem inhumanen, technokratisierten Kontext sich abbildet – das weiß Diguere-Florence natürlich –, glänzen und scheinen diese jungen Wesen über alles hinweg und durchstoßen die Dunkelheit des Zweifels und des Neids, durch die sie stets schreiten müssen und die Ihnen von anderen geschaffen wird, die ihre Sorgen nicht verstehen, weil sie nicht schön und nicht jung sind und mit Technik nichts anfangen können und weil sich der Videorekorder einfach immer noch nicht richtig programmieren lässt.

Dennoch stieß die Wahlportugiesin, die sich vor allem im schottischen Hochland aufhält und zum Kaffeekränzchen im Amazonas tobakartiges Gebäck auffährt, mit ihrem erstklassigen Werk nicht nur auf positive Kritik. Eine ganze Bewegung an visuellen Anthropologen stellte sich etwa einer Ausstellungseröffnung in Augusta im Bundesstaat Maine in die Quere. Sie blockierten die Räumlichkeiten und beschimpften die Künstlerin als visuelle und handwerkliche Betrügerin, warfen Steine in die Schaufenster und verlangten ihr Geld zurück, das sie noch gar nicht gezahlt hatten. Erschütternd und traurig zugleich, dass nicht ein Hauch an Verwunderung bei diesen Menschen anzutreffen war, über den eigenen Mangel, etwas erkennen zu können, hinter dem Scheinwerferlicht des offensichtlichen, hinter den Fassaden aus zuckriger Realität, hinter den dunklen Flächen der eigenen Seelen. Denn sonst hätten Sie nicht umher gekonnt, sich berührt zu fühlen. Und zwar an allen anständigen und unanständigen Stellen ihrer Existenz. Vielen Dank, Anna Diguere-Florence, für diese Erfahrung.

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Über: Volkszorn

Es musste sein, es ist so, es ist einfach so, es ist das große Thema und es wurde diesmal nicht über und daran vorbei geschrieben, sondern einfach abgesabbelt – wie im Kaffeehaus. Und das mit höchstmöglicher Ungenauigkeit. Aber mit sehr viel Stil. Dieses Hörspiel, der Anton Kröger – Superstudio Productions aus Mistelbach, beschäftigt sich mit dem Thema Volkszorn, nicht erschöpfend, nicht ausschöpfend, nicht sehr clever, aber sehr, sehr lange (15:21) und das ist zumindest ein sehr eindeutiges Qualitätsmerkmal. Alle die volkszornig sind, dürfen mich gerne beleidigen und belehren, dass ich ihre Ideologie nicht verstanden habe (aber irgendwann wird es mir gelingen). Alle die nicht volkszornig sind, dürfen sich amüsieren (wenn sie es schaffen) oder einfach zuhören und lernen. Kommentare wie gehabt. Ach ja, Hier sogar meine Email-Adresse, toll oder: karl-heinz@moschauer.de

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Über: Friends Day und abgegrabbelte Hüte

Also ich glaube es gibt nichts schöneres als einen Friends Day auf Facebook. Abgesehen davon, dass es nichts schöneres als Friends und Facebook gibt. Und am allerschönsten sind Facebook Friends, denn diese sind so angenehm unpersönlich, dass sie einen nicht stören, im modernen Selbstdarstellungsselbstgefiste. Obwohl dieses moderne Selbstdarstellungsselbstgefiste schon irgendwie genial ist, in seiner komplizierten Einfachheit, denn man braucht überhaupt nicht mehr die Anerkennung des andren, um ordentlich im Monitorlicht zu masturbieren, es genügt schon die virtuelle Anerkennung, die man sich wunderbar selbst besorgen kann, indem man dem Blödsinn tatsächlich glaubt, den man über, von und um sich herum erfindet. Win-Win also in der Unterhose. Friends Day auf Facebook jedenfalls ist etwas ganz tolles und sicherlich wird jeder dieses einmalige Event kennen, denn es existieren nur noch zwei Menschen, die nicht auf Facebook zu finden sind: Meine Oma und Adolf Hitler (also zumindest nicht persönlich). Die beiden haben übrigens nichts miteinander zu tun. Falls jemand außer Oma und Hitler den Friends Day nicht kennen sollte: Es handelt sich dabei um ein vermeintlich feinsinniges, von wahrscheinlich glattgegelten Marketing Fuckfaces, liebevoll mit Klaviertönen zusammendefäziertes Bild-in-Bild-Geschiebe, der eigenen facebookschen – eigentlich belanglosen, aber durch viel audiovisuellen Schnickschnack aufpolierten – Vergangenheit, die wohl irgend so etwas wie Sentiment erzeugen soll. Und das gelingt sogar, eben so gut, wie Werbung das leisten kann, also in einer Mischung aus Selbstekel, Fremdekel, Weltekel, Existenzekel, Ekelekel, Superekel, Seehoferekel – ekelativ eben. Und dann wird das lustige Friends-Day-Video nicht nur ekelig, sondern verliert ein bisschen an seiner Unschuld, spätestens, wenn die Photos auftauchen, die gemeinsame Aktivitäten mit Freunden zeigen und noch eins und noch eins und noch eins, an Sandstränden, in hippen Szenebars, im Schlafzimmer unter einer weißen Decke vergraben (mit Schatzi) – im Hintergrund trapst das Klavier rührselig vor sich hin – und in dreckigen Bahnhofstoiletten (mit dem Mann/der Frau fürs Grobe). Dann wird das schon ungefähr so gruselig, als wenn der Lieblingssalker mal wieder ein vermeintlich feinsinniges, liebevoll mit Klaviertönen zusammendefäziertes Bild-in-Bild-Geschiebe auf DVD unter der doch eigentlich dreifach verschlossenen Haustüre hindurch schiebt und sein hämisches Lachen minutenlang in den dunklen Gassen der Nachbarschaft zu hören ist, widerhallend in der Furcht vor der baldigen, ganz persönlichen (nicht nur virtuellen) Auslöschung. Ja, ungefähr so muss sich das anfühlen. Und es will einfach nicht in irgendein Weltbild passen, warum man personale Stalker kollektiv mit wie auch immer berechtigter Verachtung straft, während man virtuelle Stalker ins eigene Schlafzimmer, bzw die eigene Bahnhofsklokabine gucken lässt.

Aber das ist ja auch wieder ein alter Hut, abgebrabbelt, überflüssig und reif für die Müllkippe, was mich unweigerlich an Karneval erinnert, bzw. an Menschen, die an Karnevalssitzungen teilnehmen, abgebrabbelt, überflüssig und fällig für die Müllkippe und an die derzeitige Penetration auf jedem Sendeplatz. Ja, es ist wieder so weit, der Bürger ist ganz närrisch, denn er setzt sich eine Perücke auf und tut so, als würde er nicht täglich an seiner eigenen Borniertheit und gemütlichen Xenophobie ersticken, die sich wie eine schleimige, schwarze Moräne seine Kehle hinauffrisst, bis das verkniffene Gehorsamkeitslächeln sich ein für allemal in eine von guter Laune im unlaunigen Gesicht nicht zu unterscheidenden Totenstarre verliert. Und so klatscht er drei Stunden lang apathisch in die Hände, bis diese zu bluten beginnen, und er nicht mehr aufhören kann, bis er von seiner Schuld erlöst worden ist, ein verzichtbares Individuum zu sein. Klingt hart? So ist Karneval nun mal. Wobei der diesjährige Karneval dann doch wieder einen modernen Touch hat, denn nun hat man sich auch auf solchen Veranstaltungen auf den neuen deutschen Konsens geeinigt (und das mit kleinbürgerlicher Wohlstandspose in Gestalt von Wohlstandsspeckwesen Bernd Stelter), klipp und klar zu sagen, dass jeder willkommen ist, bis auf diejenigen, die sich daneben benehmen, denn die – ja wie genial und einfach, einfachgenial ist das denn? – können dann auch gerne wieder nach Hause gehen, gerade, wenn sie kein „freundsche Jesischt“ machen. Meine Güte, dat is Intellijenz. Wat für ein Jlück, datt et sowat jibt.

Abgesehen davon ist es, sich über Karneval aufzuregen und über das verklemmte Deutschsein, auch ein alter Hut, richtig grabbelig, und irgendwie auch überflüssig, denn egal wie oft man sich darüber beschwert und wie viele Leute es einem gleich tun mögen, beides verschwindet einfach nicht, sondern metastasiert fröhlich vor sich hin. Zumindest ist der Patient bald tot, denn: Die Flüchtlinge kommen immer noch! Und jetzt gehen auch noch – mag man der aus Lügen gepressten Süddeutschen glauben – Russlanddeutsche auf die Barrikaden und sind ganz stolz – zumindest wohl die Ingolstädter – auf ihren Heiland Seehofer und dabei vergessen sie nicht nur die eigene Geschichte der Ausgrenzung, die ja wohl immer noch Bestand hat – immerhin lässt sich kein guter Bürger eine Lästerei über das „verdammte Russenpack“ (egal ob mit deutschen Wurzeln oder nicht) entgehen – sondern steigen ebenfalls, ohne mit einem einzelnen Gedanken zu zucken, auf den Kultur-determiniert-Verhalten-Zug auf und antworten auf die Konfrontation mit den Schwierigkeiten der eigenen Integration mit den wahrscheinlich o-tönigen, aber sicher ähnlichtönigen Worten: „Das ist mir im Moment wurscht“ und zudem möge man nur wieder ohne Angst auf die Straße gehen. Wie sich diese Phrase „ohne Angst auf die Straße gehen“ überhaupt dermaßen etablieren konnte, bleibt schleierhaft, kann wahrscheinlich nur mit kognitiver Minderbegabung (die übrigens, so unsere einhellige gesellschaftliche Meinung, biologisch bedingt und unabänderbar ist) oder Hysterie erklärt werden – in beiden Fällen – wie es sich im ordentlichen Deutschland gehört – wäre dies ein Fall fürs Heim oder die Anstalt und da braucht man nun wirklich gar keine Angst zu haben, dass man von einem Flüchtling überfallen wird und überhaupt, wieso bleiben diese achsoverängstigten Menschen denn nicht endlich der Straße fern, die ihnen solche Angst macht, dann könnte man sie vielleicht auch mal ernstnehmen, aber nein, da wird protestieren und demonstrieren gegangen, statt sich in der Speisekammer zusammenzukauern und einzukoten, wie es sich für jemanden gehört, der sich von einer gewaltigen Angst bedroht fühlt. Kein Wunder, dass die Politik nichts unternimmt, kommt halt Schizo rüber.

Abgesehen davon ist es eine Frechheit zu behaupten – wie es manche Kommunikationswissenschaftler tun – Kommunikation müsse Mehrwert schaffen. Was muss denn – verdammter Odin da oben in deiner Unterbuxe – noch alles Mehrwert schaffen, himmelkreuzundarschzefix? Reicht es denn nicht langsam mal mit dem ständigen Mehrwert? Kann denn nicht zumindest Kommunikation – das schmierige Bindemittel menschlicher Existenz – zu etwas fähig sein, was in einer Gesellschaft der ständigen Vermehrwertung so anflehend und arschbeißend fehlt: Herstellung von Verständigung? Oder so etwas wie Empathie? Oder einfach mal eine Pause vom Mehrwert (am besten mit einer Milchschnitte in der Hand)? Könnte man Kommunikation denn nicht vielleicht mal dafür nutzbar machen, den Mythos der ständigen Mehrwerterhöhung zu hinterfragen, statt sich diesem räudig zu unterwerfen, damit in dem ganzen Gerede gar nie nie nie wieder etwas gesagt werden wird? Oder wie wärs mit Schweigen? Ginge das?

Naja, fast.

Bleibt abschließend nur zu zitieren:

“Mario, what do you get when you cross an insomniac, an unwilling agnostic and a dyslexic?“

„I give.“

„You get someone who stays up all night torturing himself mentally over the question of whether or not there’s a dog.”

― David Foster Wallace, Infinite Jest

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Lookistischer Zwischenruf gegen alles genetisch Nationale

Verzeihung, Verheihung, Verziehung, nur kurz: Manche Leute behaupten zur Zeit ja mal wieder, das Deutsche läge einem im Blut und es ist genauso erstaunlich wie erschütternd wie eigentlich witzig wie derbe eklig und bitter visuell erfahrbar, dass diejenigen, die so etwas behaupten, aussehen, als läge da dem echten Deutschen noch etwas anderes im Blut, als wäre der Genpool da schon lange nicht mehr abgelassen worden, als hätten sich da einige unappetitliche Rückstände gebildet (Kalk, tote Schmeißfliegen, vergorenes Sauerkraut, Hundekacke) und gehalten, die eine unschöne Entwicklung hin zu einem Organismus im Stile eines riesigen Haufens Riesenscheiße beeinflusst haben. Will heißen: Diejenigen, die die Reinheit ihrer Rasse herbeisehnen, sollten sich ins Bewusstsein rufen, dass sie vollends deutlich von außen beobachtbar degeneriert sind, aber in jeglicher Hinsicht, auf jegliches Kriterium bezogen, aus jeder viel zu großen Pore herausschwitzend. Ich merke das nur ungern an, aber in diesem Land muss man ja auch mal die Wahrheit sagen dürfen. Sorry, Rechte nerven mich, mein Fehler. Und hier noch Anschauungsmaterial: Lookismus gegen Rechts!

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Über: Gewinnspiele

Gewinnspiele, Gewinnspiele, dieses Wort, dieser Ausdruck! Gewinnspiele! Das ist mir aufgefallen, vor Tagen, als ich in der Zeitung blätterte und mein Augenmerk dann auf eine Chipstüte fiel, auf der Stand: Nehmen Sie teil, an unserem Gewinnspiel! Und gewinnen Sie eine Cambridge Satchel. Da ist es mir aufgefallen, zum ersten Mal in meinem Leben, das Gewinnspiel und ich fragte mich, was denn die Motivation sein könnte, an einem Gewinnspiel teilzunehmen und natürlich erhielt ich keine Antwort, aber ich dachte so: Also eigentlich ist ja der Gewinn das Ziel, der Antrieb dahinter. Aber der ist ja keineswegs sicher, der ist ja vielmehr unwahrscheinlich, der ist ja nun wirklich kaum zu kriegen. 1:10000? 1:100000? 1: 1000000? Das ist doch gering. Für mich persönlich lohnt sich da der Aufwand nicht, ein Briefchen zu schreiben und persönliche Daten an ein Unternehmen zu übermitteln. Ich meine das kostet garantiert eine Stunde wertvoller Quality Time, die man auch mit dem Färben von Katzenschnurrhaaren oder dem Starren auf Flussströmungen verbringen könnte. Warum macht man das also, warum nimmt man sich Zeit und Hoffnung, statt einfach in ein fließendes Gewässer zu starren?

Vielleicht denkt man sich ja: Hey, ich habe vor 5 Jahren bei der Tombola in Witzlasreuth gewonnen, wieso sollte ich denn jetzt nicht dieses Gewinnspiel hier gewinnen? Schließlich erhöht sich die Wahrscheinlichkeit eines Gewinns, wenn man irgendwann schon einmal irgendetwas gewonnen hat. Oder denkt man sich: Ich bin ja prinzipiell ein Gewinner, wieso also nicht auch bei einem Gewinnspiel gewinnen? Gewinnen liegt mir im Blut – zumindest behauptet das Omi – und deshalb wird auch dieser Gewinn, der meine sein! Oder man denkt sich: Ich brauche diesen Füllfederhalter so dringend, das Schicksal wird mir schon beistehen? Oder: Oder Gott wird mir schon beistehen!? Oder man denkt sich vielleicht: Naja, da muss ich ja eigentlich nichts aufwenden, außer ein Briefchen zu schicken und meine persönlichen Daten an ein Unternehmen zu übermitteln und im besten Fall, bekomm ich einen wunderschönen Füllfederhalter oder eine Cambridge Satchel, das ist doch toll, oder? Das ist doch minimaler Aufwand und maximaler Gewinn! Es ist ja nicht so, dass ich die Zeit zum Färben von Schnurrhaaren oder zum Glotzen in Flüsse brauchen würde. Und überhaupt: So wirtschaften doch auch die Großen, also mit diesem Mini-Maxi-Mal-Prinzip, hab ich irgendwo mal gelesen. Oder natürlich man denkt sich: Oah, Gewinnspiele sind so aufregend, ich muss gar nichts gewinnen, schon die Teilnahme vergnügt mich so sehr, dass ich mir sofort einfach einen Füllfederhalter kaufen gehe, aber trotzdem mitspiele. Dann hab ich den Preis und das belebende, riskante Gefühl an einem Glücksspiel teilzunehmen. Freude! Oder man denkt sich auch einfach nur: BOOOOOAAAAAHHHHH, GEWINNSPIELE!

Wenn man so überlegt, scheint man sich ja eine ganze Menge dabei zu denken, bei diesen Gewinnspielen und vielleicht sind sie deshalb so beliebt: Weil Sie den Menschen gedanklich herausfordern, ihn zwingen, sich selbst und seine Motivation zu hinterfragen. Was ist schon ein Mensch, der sich noch nie Gedanken über ein Gewinnspiel gemacht hat? Ein halber wahrscheinlich, ein viertel Mensch vielleicht nur, ein schmieriger Abstrich eines Menschen, eine halbfertige Karikatur, ein geistloser Wilder! Da unterscheidet sich auch der Gewinnspieler vom Konsumenten, der schlingt und schlingt und schlingt, ohne zu kauen, ein Gierschlund, ein Schlundmensch, ein Fresser, ein Schlinger, aber sicher kein Gewinnspieler, denn dieser steigt aus dem ewigen Kreislauf des Kaufens aus und möchte lieber etwas umsonst haben. Das ist Rebellion! Wenn man so will, kann ein Mensch erst zum Menschen werden, wenn er an einem Gewinnspiel teilgenommen hat, oder sich zumindest fragt, ob er teilnehmen sollte. Wenn man so will, ist diese Frage die Feuerprobe der Menschheit, die Geburt des kritischen Verstandes. Wenn man so will, dann muss der Mensch sich an dieser Frage probieren, er muss sich reiben und dann – natürlich! – gewinnspielen! Wenn man so will. Also wirklich nur, wenn man will.

Ich würde aber dennoch wohl nicht an einem Gewinnspiel teilnehmen. Wegen meiner vielen interessanten Hobbys natürlich und des karikativen Menschseins, das ich praktiziere. Außer vielleicht an einem Gewinnspiel, bei dem eine Person, die sich für gewöhnlich Gewinnspiele ausdenkt, in einen Raum eingesperrt wird und diesen Raum nicht verlassen könnte, außer sie säge sich den eigenen Fuß ab und als Gewinnspieler müsste ich dann sozusagen meine persönlichen Daten an das Unternehmen übermitteln und dürfte dann dabei zusehen, wie sich diese Person, die sich Gewinnspiele für gewöhnlich ausdenkt, den eigenen Fuß absägte und damit ihre Freiheit gewänne. Das wäre zwar doch kein Gewinnspiel, aber da würde ich sicher mitmachen. Denn davon könnte man sicher beim nächsten Kaffeekränzchen erzählen und vielleicht macht das sogar Mode und allerlei unsympathische Menschen müssten sich Füße absägen, um aus verschlossenen Räumen zu gelangen und die Welt wäre sicher eine bessere, obwohl diese Lösung irgendwie hinkt. Darüber würde ich mich freuen. Zur Not tuts allerdings auch eine Cambridge Satchel. Tolles Teil. Also wirklich.

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