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Alpuch Posts

Rechte Denker I – das Social-media-Volk

Ich weiß, die Allgemeinheit in Deutschland ist nicht nur klug und gebildet, sie denkt auch unheimlich differenziert und tiefgründig. Dennoch gibt es so manche Individuen – und vor allem in diesen unmöglichen sozialen Netzwerken –, die dieser Denktradition deutlich widersagen. Ja, es scheint fast, als würden sie gar nicht erst versuchen, komplexe Themen denkend zu erfassen. Doch nicht nur das: Auch das ethische Denken verweigern diese Menschen strikt, fast inbrünstig. Denn Denken (und vor allem ethisches Denken) macht langsam. Und es nervt alle Beteiligten.

Um die aufgeklärte Allgemeinheit also mit dieser so undeutschen Denkungsart vertraut zu machen, die sich da irgendwo im Internet ereignet, folgen einige Beispiel dieser Premiumdenker, die jeden komplexen Sachverhalt – ganz facebookgerecht – bis ins Absurde verkürzen:

Denkerin Nr. 1

Was Lisi hier macht, nennt man ganz simpel: Simples Denken. Es handelt sich dabei um eine klassische Reduktion, die jegliche gesellschaftliche und geschichtliche Entwicklung außen vor lässt. Stattdessen beruft sich Lisi auf ein (schon wieder) sehr simples Modell von „Gastarbeit“: Gastarbeiter kommt, wenn Arbeit da. Wenn Arbeit weg, dann Gastarbeiter weg. Ob es wirklich so einfach ist? Daran, dass sich weder Politik noch Wirtschaft (vor allem diese nicht) über den Verbleib dieser billigen Arbeitskräfte (also diejenigen, die die Drecksjobs für uns Deutsche erledigt haben) Gedanken gemacht haben, die Wirtschaft als auch die Politik aber von ihnen profitierte (und natürlich auch der deutsche Bürger); dass das geplante Rotationsmodell für Gastarbeiter keine Anwendung fand, da die Praxis dieses überholte; dass eine vernünftige Integrationspolitik verschlafen wurde, diese Menschen letztlich natürlich nicht nur zum Arbeiten nach Deutschland gekommen waren, sondern hier auch leben mussten (wie unhöflich); daran dachte Lisi nicht. Oder sie dachte daran und entschied sich trotzdem für ihre Aussage. Dass mangelnde Bildung ein Kriterium für die deutsche Staatsbürgerschaft sein soll, bleibt ebenfalls ein zu bezweifelnder und damit vielleicht ein alternativer Fakt. Dafür gab es dann auch nur einen Like. Dass man seine Staatsbürgerschaft wegen mangelnder Bildung nicht verlieren kann, sollte Lisi allerdings beruhigen. Ebenso wie Premiumdenker Nr. 2, der ähnliche Ansichten vertritt:

Was Robert da letztlich macht, ist, Lisis provokanten Gedanken zu Ende zu denken, was heißt, ihn weiterhin in kleinkindlicher Manier zu simplifizieren. Auch dafür, leider nur ein Like. Abgesehen davon, dass die Ethik dahinter nicht zu denken ist (schließlich müssten Lisi und Robert einen gewissen Respekt vor anderen Menschen aufbringen, um ihnen ein weniger sklavenähnliches Lebensverhältnis zu wünschen), könnte man aber, um irgendwie einen empathischen Bezug wiederherzustellen, auf Max Frisch hören: „Man hat Arbeitskräfte gerufen, es kamen Menschen“. Wäre ein Anfang.

Denkerin Nr. 3:

Brigitte äußerte dieses Statement (wie die anderen Denker auch) in Bezug auf die Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft, die vor kurzem erneut diskutiert wurde. Mit dieser kurzen und knappen Denkbewegung, die alle Muslime dieser Welt einschließt (und in einer zweiten kurzen Denkbewegung auch das Denken dieser Muslime) und diese für zu verschieden erklärt, hat Brigitte zwar ihre Meinung kundgetan (was ja wichtig ist), aber nicht viele Anhänger gewonnen. Lediglich einen Like erhielt sie hierfür. Wahrscheinlich war die Plumpifizierung doch zu hoch. Eine unverrückbare unterschiedliche Denke von Muslimen und Christen(?), doch nicht differenziert genug, für das kritische Social-Media-Publikum. Aber vielleicht beim nächsten Mal. Was dahintersteckt ist höchstwahrscheinlich eine diffuse Angst vor dem Islam, die ja nicht unbegründet ist, da sie gesellschaftlich diskutiert wird. Weiterhin ist Kritik am Islam erst einmal auch nichts Schlechtes. Diesen allerdings überhaupt nicht tolerieren zu wollen…hm…muss man so weder denken noch äußern. Natürlich darf man dies aber äußern. Und sich danach hoffentlich ein bisschen blöd vorkommen.

Denker Nr. 4:

Dieser Denker, das gilt es anzuerkennen, ist ein kluger Denker. Sowohl Formulierung als auch Rechtschreibung deuten auf einen wachen Geist hin, der zu argumentieren weiß. Nicht umsonst hat er – wohl vor allem auch wegen der Ausführlichkeit – sieben Likes von anderen Mitdenkern erhalten. Auch in der späteren Diskussion zeigte sich dieser Denker zugewandt, denkoffen und sogar konsensfähig. Den Reduktionismus seines Denkens wollte er allerdings nicht einsehen und zwar, dass er vielen(!) Türken unterstellt, dass „diese nicht unter den herrschenden Bedingungen des deutschen Staates leben wollen“ und noch schlimmer, diese lediglich „ihre türkische Kultur mit den Segnungen der Sozialgesetzgebung ausleben“ wollen. Als Beweise hierfür zieht er später sogenannte No-Go-Areas und die Abu Chaker Mafia heran. Oder er hält seine These für bestätigt, wenn ein deutscher Staatsbürger ebenfalls auch noch türkischer Staatsbürger ist. Es ist offensichtlich, dass hier eine sehr naive Kausalität gedacht wird und zwar eine, die den türkischdeutschen Mitbürger stets diskriminiert und dessen Handlungsgründe ins Niederträchtige projiziert. Dass bspw. ein Deutscher mit türkischen Wurzeln seinen Zweitpass nicht abgeben möchte, könnte ebenfalls (und dies muss nicht der alleinige Grund sein) damit zusammenhängen, dass viele Türken – auch wenn sie bereits in der 3. Generation in Deutschland leben – hier immer noch nicht als vollwertige Deutsche gelten und einem Generalverdacht (siehe Beweisstück Facebookpost von Denker Nr. 4 und Denkerin Nr. 3) ausgesetzt sind. Das wäre sogar ein guter Grund. Dennoch wird das Thema noch komplexer sein. Ein Austausch über Handlungsgründe wäre da doch nicht schlecht, oder? Oder überhaupt ein Austausch.

Wir sind am Ende unserer kleinen Exkursion angelangt. Auch wenn man es nicht glauben mag, war das Anliegen dieser Feldstudie nicht die Diskreditierung und/oder Verballhornung der genannten Denkerinnen und Denker. Vielmehr sollte deutlich werden, wie in sozialen Medien nun einmal (laut) gedacht wird und wie schmerzhaft als auch gefährlich zu kurzes Denken klingen kann (aber hoffentlich nicht wirken wird). Es kann daher nicht schaden, weiter zu denken und nicht zu vergessen:

Menschen, die nicht denken, sind wie Schlafwandler – Hannah Arendt

Nachtrag: Da Denken auch stetige Kritik und Dialog benötigt, sind Kommentare (vor allem die besonders kritischen) erwünscht.

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Kunstkritik: The night, the self, the mystery

The night, the self, the mystery - Anna Diguera-Florence

Nicht zu Unrecht tost gerade allerorten Begeisterung für Anna Diguera-Florence auf, macht sich Verzückung und Erleuchtung breit, bis in den kleinsten Blickwinkel sogar der kulturverlassenen BRD. Denn mit ihrem neuesten Werk ist der 15-jährigen Photokünstlerin aus Tokio – die Werktags in Kapstadt verweilt und Sonntags immer nach New York fliegt, um einen Käsekuchen zu naschen – der ganz große Coup gelungen. „The night, the self, the mystery“  ist nicht nur ein schillerndes Kompendium an seelischen Zuständen, Hoffnungen, Beschwörungen, Verführungen und Warnungen, es ist weiterhin Zündstoff für die Digitaliselite dieser Welt, die mit dieser Arbeit sicherlich zum Erbeben und Verschütten ihrer Latte Macchiatos gebracht werden wird. Diguera-Florence setzt nämlich vollkraftig in das Zentrum der Postmoderne vor, sticht dort hinein, mit ihrem messerscharfen Blick – den sie an irgendeinem Wetzstein dieser Welt geschärft haben musste, stundenlang, bis er so scharf geworden war, dass er schneidet und schneidet und gar nicht mehr aufhört, wie ein richtig gutes Küchenmesser von Futt® eben – und seziert sensible Momente im Leben des prototypischen jungen Menschen, der Trends setzt und selbst trendgesetzt wird. Sie schneidet ruchlos und mit einer eloquenten Neugier hinein in das fahle Fleisch der 2.014 Hipster-Cliuqe in ihren Szenebezirken und nimmt deren Wichtigstes in das Visier ihres künstlerischen Schaffens: Die einzige Konstante im hipsterialen Universum, die zentrale Kulturtechnik dieser Generation, die einzig für diese jungen Menschen verfügbare ontologische Methode, die eigene Existenz in irgend einer Art zu beweisen – das „Selfie“. Und damit tritt sie einen Kampf an, der sich schon lange abgezeichnet hat und der geführt werden muss, ein Kampf der „Generation Selfie“ mit sich selbst, ganz ihrer eigenen Bestimmung folgend.

Und dennoch wird Maximilian-Benedict erschrecken, sitzend im kleinen Bistro am Kreuzberger Bahndamm, selbstvergessen im Spiegelbild seiner eigenen, schalen Gedanken, die sich darum drehen, wie man einen unrenovierten Altbauraum am stylischsten in einen fetzigen Dark-New-Wave-Bla-Swing-Electro-Club verwandeln könnte oder welche Foodtruck-Kreation er heute zum Mittagessen nur zur Hälfte verspeisen möchte, da er sich nach zwei Bissen immer so voll fühlt, wäääh. Er wird aufschrecken aus seiner halbleer-halbvoll gewordenen Existenz und Diguere-Florences Schonungslosigkeit mit offenen Augen entgegenstarren, die sich auf den neun Portraits unterschiedlichster junger Menschen offenbart. Denn dort zeigt sie genau das, was gerade durch die – nach Rodewitz – degenerierte Gegeneration hindurchfährt und sie gleichsam erschüttert, nämlich eine Ungewissheit darüber, was das Phänomen „Leere“ ist, welchen Bezug es zu diesem herzustellen gilt, wie man damit für sich selbst umgehen könnte, außer sich zu einem Selbstmitleids-Perpetuum-Mobile hochzustilisieren. Ein großes Problem, das Diguere-Florence dort thematisiert, denn eines ist sicher: Diese Leere breitet sich unaufhörlich aus. Sie findet sich in wörtlichen als auch visuellen Ausdrucksmöglichkeiten dieser Generation wieder, zuvorderst natürlich im „Selfie“, dem visuellen Kern der angesprochenen Jugend- und Twenbewegung.

Betrachten wir bspw. Tom Dickenborrow, den die Künstlerin in die Mitte ihres Werkes platziert hat, mit einer photographischen Handwerkskunst, die ihresgleichen sucht, viel zu hochwertig, von einer anderen Qualität, einem Selfie in keinster Weise ähnlich, aber dennoch so zerbrechlich und auf eine unbewusste Wahrnehmung hin dilettantisch, als würde das dünne Ärmchen von Dickenborrow tatsächlich im Espenlaub zittern, der allen Jugendlichen innewohnenden Angst vor sozialer Ausgrenzung und Herabwürdigung geschuldet, dem Kern und dem Beginn späterer Isolation. Gerade sein Porträt hält die anderen acht zusammen, bindet sie, fordert sie heraus und stößt sie leicht ab. Es scheint als spiele er mit ihnen, obwohl er nicht wie jemand wirkt, der irgendetwas spielen könnte außer das lustige Leiterspiel. Er wirkt sogar fast wie der Anführer dieser Gruppe, junger verlorener Seelen, die er nicht versteht und niemals kennenlernen wird, da alle ständig in ihr Handys glotzen und twiddeln. Der junge Mann mit den unsicheren Augen, umrandet von existentiellen Anti-Charismen.

Doch Diguere-Florence verrät noch mehr über sich und vor allem über die Menschen, die sie porträtiert. Es geht ihr nicht nur um Kritik und keineswegs um Bloßstellung. Auch Würdigung ist in ihrem künstlerischen Schaffen stets ein elementares Anliegen und so gelingt es ihr auch, diese Menschen emporzuheben, aus ihren Verhältnissen, in denen sie ein geknechtetes, verächtliches Leben führen müssen, vor den virtuellen Karren unzähliger Großkonzerne gespannt, gehalten als Klicksklaven von Cyberpatrioten, totalitären Weltverbesserern und Monitorköpfen, deren einziges Heil die totale Digitalisierung der totalen Welt ist. Ja, sie erheben sich über diesen Schmutz, den wir ihnen als Gesellschaft aufgelastet haben und werden – durch alle Symbole, Zeichen und Codes hindurch – menschlich und in dieser puren Menschlichkeit, die überhaupt erst erscheinen kann, da sie in einem inhumanen, technokratisierten Kontext sich abbildet – das weiß Diguere-Florence natürlich –, glänzen und scheinen diese jungen Wesen über alles hinweg und durchstoßen die Dunkelheit des Zweifels und des Neids, durch die sie stets schreiten müssen und die Ihnen von anderen geschaffen wird, die ihre Sorgen nicht verstehen, weil sie nicht schön und nicht jung sind und mit Technik nichts anfangen können und weil sich der Videorekorder einfach immer noch nicht richtig programmieren lässt.

Dennoch stieß die Wahlportugiesin, die sich vor allem im schottischen Hochland aufhält und zum Kaffeekränzchen im Amazonas tobakartiges Gebäck auffährt, mit ihrem erstklassigen Werk nicht nur auf positive Kritik. Eine ganze Bewegung an visuellen Anthropologen stellte sich etwa einer Ausstellungseröffnung in Augusta im Bundesstaat Maine in die Quere. Sie blockierten die Räumlichkeiten und beschimpften die Künstlerin als visuelle und handwerkliche Betrügerin, warfen Steine in die Schaufenster und verlangten ihr Geld zurück, das sie noch gar nicht gezahlt hatten. Erschütternd und traurig zugleich, dass nicht ein Hauch an Verwunderung bei diesen Menschen anzutreffen war, über den eigenen Mangel, etwas erkennen zu können, hinter dem Scheinwerferlicht des offensichtlichen, hinter den Fassaden aus zuckriger Realität, hinter den dunklen Flächen der eigenen Seelen. Denn sonst hätten Sie nicht umher gekonnt, sich berührt zu fühlen. Und zwar an allen anständigen und unanständigen Stellen ihrer Existenz. Vielen Dank, Anna Diguere-Florence, für diese Erfahrung.

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Lookistischer Zwischenruf gegen alles genetisch Nationale

Verzeihung, Verheihung, Verziehung, nur kurz: Manche Leute behaupten zur Zeit ja mal wieder, das Deutsche läge einem im Blut und es ist genauso erstaunlich wie erschütternd wie eigentlich witzig wie derbe eklig und bitter visuell erfahrbar, dass diejenigen, die so etwas behaupten, aussehen, als läge da dem echten Deutschen noch etwas anderes im Blut, als wäre der Genpool da schon lange nicht mehr abgelassen worden, als hätten sich da einige unappetitliche Rückstände gebildet (Kalk, tote Schmeißfliegen, vergorenes Sauerkraut, Hundekacke) und gehalten, die eine unschöne Entwicklung hin zu einem Organismus im Stile eines riesigen Haufens Riesenscheiße beeinflusst haben. Will heißen: Diejenigen, die die Reinheit ihrer Rasse herbeisehnen, sollten sich ins Bewusstsein rufen, dass sie vollends deutlich von außen beobachtbar degeneriert sind, aber in jeglicher Hinsicht, auf jegliches Kriterium bezogen, aus jeder viel zu großen Pore herausschwitzend. Ich merke das nur ungern an, aber in diesem Land muss man ja auch mal die Wahrheit sagen dürfen. Sorry, Rechte nerven mich, mein Fehler. Und hier noch Anschauungsmaterial: Lookismus gegen Rechts!

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An die Stadtverwaltung

Also bitte! Viel zu große oder wahlweise auch zu breite Angestellte in viel zu kleine und damit auch zu enge Kehrmaschinen* zu zwängen – gehts noch? Der Gag ist doch uralt! Den hat ja Bud Spencer in den achtzigern schon geklaut! Wenn das ihre Vorstellung von moderner Unterhaltung sein soll, na dann können Sie auch gleich Gags für Michael Herbig schreiben. So eine Niveaulosigkeit, unglaublich!

Ein Wutbürger

*Orangefarbenes Bauhof-Fahrzeug mit wirbelnden Besen an der Frontseite. Breite: 45cm.

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Sprache und so: Enttäuschung

Enttäuschung (die, also weiblich, also empfangend und fürsorglich und fast gleichberechtigt mit der männlichen Form), das weiß man, bedeutet soviel wie Trauer oder Unmut über ein eingetretenes Ereignis, das in einer anderen Qualität/Quantität erwartet oder erhofft wurde. Enttäuscht wird man also, wenn man in die falsche Richtung erwartet/gehofft hat oder aber in die richtige Richtung, die tatsächliche Richtung dann jedoch die Falsche war, oder aber, wenn man einfach gar nicht erwartet/gehofft hat, dass man Falsch liegt und es dann doch tut, oder wenn mann annimmt, dass es gar kein Wahr oder Falsch gibt, doch dann in diesem kleinen Textchen erfahren muss, das dem doch so ist – enttäuschend, nicht wahr? (Wahr ist – nebenbei bemerkt – natürlich alles was hier behauptet wird) Enttäuschung, das weiß man heutzutage auch, weil es irgendjemand irgendwann mal getwittert hat, bedeutete früher einmal – im 19. Jahrhundert oder so – von einer Täuschung befreit worden zu sein, synonym auch desillusioniert zu werden, etwas Positives eigentlich. Hoppla! Das ist ja schizophren – und zwar nicht schizophren im krankeitsbildlichen Sinne (das ist nämlich relativ kompliziert), sondern im Sinne der polemischen Verwendung in halbjournalistischen Pamphleten mit der Bedeutung: voll widersprüchlich und zwar so arg, dass man verrückt werden könnte – boah!

Die Enttäuschung ist ein schizophrenes Wort und der Mensch des 21. Jahrhundert ist bereits daran verrückt geworden. Enttäuschung entmutig ihn, statt ihn frohlockend aufjauchzen zu lassen und fixiert ihn damit in einer paradoxen Weltwahrnehmung – voll mies! Es ist anznunehmen, dass der machthabende Klüngel (welcher weiß man nicht so genau) irgendwann die Umdeutung des Wortes Enttäuschung ins Negative veranlasst hat, damit der regierte Mensch Enttäuschung tunlichst vermeidet, er also stets getäuscht vor sich hin lebt, er sich natürlich weiterhin nach Enttäuschung sehnt, diese aber natürlich nicht mehr begrifflich fassen kann und somit voll schizophren wird und bei Saturn einkaufen geht – voll gemein! Dies erklärt die guten Wahlergebnisse bspw. der CSU in Bayern, wo die Enttäuschung einfach nicht eintreten will, obwohl es genügend Gründe dafür gibt (CSU-Mitglieder). Überhaupt: Welche Rolle die heutige Politik in der Enttäuschungsmechanik der Deutschen spielt, lässt sich nur schwer sagen. Merkel als auch Gabriel sind exzellente Täuscher und Enttäuscher und damit genauso schizophren, wie die Gesellschaft, die sie gestalten, von der man übrigens auch nicht so genau weiß, wie enttäuscht sie eigentlich wirklich vom Nationalsozialismus ist* und damit auch nicht, ob sie überhaupt bereit für weitere Enttäuschungen ist. Schwierig. Wenn man jetzt noch ein Fazit ziehen möchte, weil man ja aus allem Denken immer einen Zweck oder ein griffiges Lebensmotto ableiten sollte, dann könnte man raten: Enttäuschen Sie, enttäuschen Sie, enttäuschen Sie, wo immer es nur geht! Und enttäuschen sie natürlich auch sich selbst. Nur dann ist Platz für neue, wichtige Enttäuschungen.

* Kann man bspw. in einem Welt-am-Sonntag-Essay behaupten: die Entnazifizierung konnte Deutschland erfolgreich enttäuschen?)

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Stimmen zu Julia Engelmann

Miley Cyrus: Ich frage mich, wieso eine Generation, die den Imperativ beruflich alles tun und können zu müssen anscheinend klaglos angenommen hat, denn nun auch noch im Privatleben alles tun und können will? Kapier ich nicht! Lalala, Wreckingball…

Josef Wagner: Hallo Julia Engelmann, du bist jung und schön und stark, das Sprachrohr einer Generation. Mut ist nur das Anagramm von Glück schreibst du. Und damit schreibst du Mut direkt in unsere Herzen hinein. Unser Land braucht mehr mutige, stolze, junge, deutsche Mädchen wie dich, mit deiner Alabasterhaut, in die ich meine altersgilben Zähne gerne…lechz…fasel…fasel…lechz.

Helmut Schmidt:
Mädel, quatsch nich, mach! *Paff*

John Keating: Carpe was? YOLO, Alter! YOLO!

Karl Marx: YOLO, das ist Leben, das ist Ausleben, das ist Erleben, das ist über den Verhältnissen leben, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.

Marcel Reich-Ranicki:
Das ist nicht Goethe! Pfui Deibel! Und wie sich das hier unten dreht, schrecklich!

Franz Kafka: Auch ist das nicht vielleicht YOLO, wenn ich sage, dass ich den Tag nutzen möchte. YOLO heißt, dass mir dieser Wunsch ein Messer ist, mit dem ich in mir wühle.

Theodor W. Adorno: YOLO? Falsches Leben im Falschen…würd ich sagen.

Alter Indianer:
Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass..ach, fuck…YOLO!!!!!

Eine junge, blonde, hübsche Frau: Hallo, ich bin Studentin. Oohhhh. Psychologie. Ah, ja gut. Und ich habe ein Gedicht geschrieben, das sich glücklicherweise nicht reimt, da es sich auch nicht reimen muss! Sonst muss aber alles, denke ich, auch ich! Aber das ein Andermal. Achtung!

Ich bin jung, ich bin blond, ich bin hübsch
Ich bin sympathisch und habe Talent
Ich weiß wahrscheinlich um eine gute Pose
Ich kenne Wörter und natürlich Pathos
Ich möchte etwas sagen und tue es auch
Ich fühle mich beengt und frei zugleich
Ich fühle Etwas, das ich sagen muss und zwar:
Ich möchte…Ich…möchte…Ich möchte…
auf Dächer steigen, die höher sind als Hochhausdächer,
höher als die in Berlin oder Frankfurt,
von da oben möchte ich die Sonne sehen
ganz nah, ganz groß, ganz warm.
Und wenn Konfetti rieselt, auf der Fete,
die mir beweisen soll, dass ich doch Mensch bin,
dann werd ich ganz still, weil mein Herz schlägt, ganz laut.
Und dann eben Sinn kommt, der sonst nicht da ist.

Wieso nicht einfach mal leben?
So richtig, so vage richtig?
Ich möchte…Ich möchte…Ich möchte…
frei sein, indem ich Zwang mit Zwang ersetze.
Zwang zu leben!
Zwang zu mehr!
Doch schon bald wird mein Begehren kalt, weil die Bilder
in den Broschüren bunter waren – wie immer
und auch wenn man sie ins Feuer wirft
so richtig warm wirds nicht.

Macht der Mensch sich überflüssig?
Hört!!! Man lebt nur einmal!
Man lebt nur einmal!
Lebt nur einmal!
In einer Gesellschaft, die Angst hat, sich selbst zu überholen.
Dort wo Stillstand
vielleicht die letzte Chance ist
gehört zu werden.
Hört doch!!! Man lebt nur einmal!
Man lebt nur einmal!
Lebt nur einmal!
Steht endlich still! Man lebt nur einmal!

Columbo: Also eine Frage hätte ich da noch…muss ich wirklich?

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Sonderangebote

Es passiert nicht oft, dass sich meine Studenten Gedanken machen. Die meiste Zeit sind sie damit beschäftigt, ihre Auslandstrips nach ihrem Abschluss zu planen und vergessen dabei, dass ich sie am Ende des Semesters eiskalt durchfallen lassen werde. Worin diese jungen Menschen jedoch mehr als geübt sind, ist das Suchen und Finden von Sonderangeboten. Es war also lediglich eine Frage der Zeit, bis ich in meiner Vorlesung einen philosophischen Blick auf dieses Phänomen der Alltagsgeschichte werfen sollte und soweit es überliefert ist, gibt es Sonderangebote seit Anbeginn der Menschheit. Kein wunder also, dass dieser Gegenstand dementsprechend lange unter philosophischer Beobachtung stand. So gut wie jeder große Philosoph konnte zu diesem Thema etwas beipflichten. Es ist nachgerade überraschend, welche Gedankenfülle sich bezüglich dieser Erscheinung im Laufe der Zeit entfaltet hat.

Platon brabbelte etwa: “Der Mensch kann nur sagen: das ist ein gutes Sonderangebot, wenn er zuvorderst das Urbild des Angebots geschaut hat. Erst wenn er dessen Eigenschaften verstanden hat, kann er das Sonderangebot erkennen und beurteilen und im besten Falle wahrnehmen. Das Sonderangebot strebt dem Angebot stets zu, doch niemals wird es dieses erreichen”. Zudem erklärte er, dass Sonderangebote nicht immer günstig sein mussten. Ofmals war es wohl der Fall, dass ubrildliche Angebote um einiges billiger ausgeschrieben wurden als deren abbildliche Pendants, was unter anderem an den geringen Herstellungskosten oberhalb des Himmelsgewölbes gelegen haben musste. Das Sonderangebot ist also an sich – wenn man Plato auf diesem Wege folgen mag – ein organisches, sehnsüchtelndes Wesen, das hin zu seinem Ursprung strebt und diesem gerecht werden möchte, obwohl das eh nix wird. Auch Sokrates war ein Fan des Sonderangebots gewesen. Aus Platons Aufzeichnungen weiß man etwa, dass der alte Weise der Philosophie das Sonderangebot als entzückendste Verlockung des Lebens, gleich nach süßen Knaben, nannte und eigentlich immer auf der Suche nach dem nächsten Schnäppchen war. Oftmals erhielt er Waren sogar völlig kostenlos, nachdem er mit dem Verkäufer in einen eindringlichen Dialog gegangen war und leitete nebenbei einen äußerst erfolgreichen Trödelhandel, mit dem er die Nudelholzsammlung seiner Ehefrau finanzierte.

Retrospektiv muss man sagen, dass es grundlegend zwei Ansichten über das Sonderangebot in der Philosophiegeschichte gab. Da waren die stolzen Befürworter wie Descartes (der sogar seine Philosophie auf dem Sonderangebot gründete: “Ich will das Sonderangebot, also bin ich”), Hume (er mochte besonders gerne günstige Plätzchen und Gänsebraten und auch er war es, der theoretisch sicherstellte, dass man erst von einem Sonderangebot reden kann, wenn man es höchst persönlich wahrgenommen hatte) und sogar der stets schlecht gelaunte Kierkegaard, der vor allem Ausschau nach großen bunten Hüten mit Federn hielt, die ihn zumindest einige Sekunden lang aufheitern konnten. Gegen diese Giganten des Geistes stehen seit jeher die Sonderangebotsverächter. Unter ihnen sind Schwergewichte wie der eisenharte Kant (”Sonderangebote existieren nicht”), Nietzsche (der stets predigte, das Sonderangebot und die damit verbundene, lausige Scheinmoral müsse endlich überwunden werden, um hin zu einer Art Überangebot zu gelangen) oder auch Ludwig Wittgenstein, der verächtlich in einer Vorlesung getönt haben soll: “Über Sonderangebote lässt sich trefflich reden, indem man schweigt.”

Ein Philosoph jedoch, der kaum historische Beachtung fand, besgründete seine Philosophie ausschließlich auf dem Phänomen des Sonderangebots. Ulrich von Wankern, 1997 im urigen Bad Brombach geboren, schloss seine Beobachtung mit folgender Erkenntnis: “Sonderangebote…das is geil und geiz is geil. Geil! Isch muss los in de Kunstbar. Geil!” Sonderangebote erregten seit jeher das menschliche Gemüt, waren stets Symbol für Hoffnung und den Glauben an Besserung. Das Sonderangebot ist in seiner Einzigartigkeit jedoch ein Zwitterwesen: Viele Sonderangebote koexistieren und sind sich nur in ihrer Form einig, die wiederum das besondere am Angebot darstellen kann, deren Klang und Äußeres zu einem unverwechselbarem Bilde führt, das wiederum – wenn man genau hinsieht – jederzeit wiedererkannt werden kann und somit die Einzigartigkeit in der Vielfalt sichert, wie es dem normalen Angebot oder Ramschtisch bis heute nicht gelingt. Was? Mit diesem schlauen Satz endet unsere heutige Reflexion.

 

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Politische Poesie: Das Braune im Deutschen

Im Alltag ist kaum Platz dafür, die Konvention verbietet es
vielleicht mit halber Ironie, sagt jemand was er hält von Fremden.
Der Negerwitz, der Türkenenwitz, die sitzen locker auf der Zunge
aber bitte: hier trägt doch niemand braune Hemden!
Natürlich sind wir seit Dekaden schon, befreit vom üblen Schmutz
der jahrelang das Deutsche Reich – äh, Volk, äh stolze Heimat halt – bedeckte.
Freigegraben ham wir uns, uns und unsre Werte
während ganz leis der letzte Jud im Kämmerlein verreckte.

Aber: der Deutsche ist gewachsen, seit dieser dunklen Zeit
bereit sich zu entlasten, groß zu planen!
Geistig, ist er doch schon längst befreit
und an Antennen platziert er Fahnen.
In die Zukunft führt der Blick
böse Taten werden leiser
Es lohnt sich nicht, der Weg zurück
je älter man wird, klar, desto weiser.
Und die Nazi-Tyrannei?
Eins, zwei oder drei, vorbei!
Mach an das Licht, man kann es sehn,
dass wir alle richtig stehn!

Es lohnt sich aber nachzufragen, was an diesen Tagen
denn in Schneeberg los ist, im Erzgebürge?
in Gransee, Hellersdorf, man würge!
In Dortmund Hacheney und auch in Appel
stehen stolze Menschen, aufrecht, mit der Fackel
skandieren, skandieren, ein Volk sei man ja
und schau, selbst die größte Drecksau ist da
um gegen Flüchtlinge zu ziehen
die sollen mal schön weiterfliehen
nach Polen, Frankreich, zu den Russen
schön nach Auschwitz, ganz modern in Bussen!
Zur Not kommen die Rechten, verteilen Feuer und Schläge
die deutsche Seele, sie wär gerettet, wenn dieses Heim woanders läge.

Der braune Reflex im deutschen Fleisch greift immer noch wie 33
ist die Kultur vermeintlich in Gefahr, ja, da wird der Deutsche fleißig
Er schleppt den Wanst vom Fernseher weg, vom Nachmittagsprogramm
wo deutsche Kultur für Massen strahlt, guck, die Britt ist wieder dran!
und dann die Geißens, Berlin Tag und Nacht
und dann wird mit Cindy aus Marzahn gelacht.
Wir Deutschen sind das reichste Land, voll stolzer, edler Kunst
und wehe wenn der Türke kommt und deutsche Frauen bumst!
Wir haben Werte! Christlich! Frömmig! Die Deutschen sind von Gott gesegnet!
Weshalb es angemessen ist, dass man dem Heiden oder Neger entsprechend bewaffnet begegnet.

Der Rechte sagt, er sei doch nur Stolz
was ist daran so schlecht?
der will doch nur sein Erbgut schützen
sein deutschnationales Geschlecht.
Was dieser Genetik jedoch entschlüpft
ist die Rasse der Herren so gar nicht
Die Stirne sind beulig, die Augenhöhlen tief
das Hassgeseier so tranig.
Kein Wunder, dass man sie so oft klagen hört:
“Wie unfair ist denn das Leben?”
Was will man dazu noch Kluges sagen?
Inzest eben.

So sind sie die Rechten, doch Deutscher wach auf:
Das entspricht nicht mehr deinem Wesen!
Auch in dir kann man manchmal, die Chancen sind da
ganz andere Geschichten lesen
Von Freiheit und Gleichheit und vom Bruder dort auch
der schwarz ist und gelb ist und grün
Moral und Hoffnung, Humor und die Liebe
in DIESEM Glanze könntest du blühn!
Schütt sie weg, die braune Suppe
die von deinen Ängsten gekocht
so zuverlässig ätzt, in Herz und Gehirn
ein klaffendes, elendes Loch.
Ich kann nur hoffen, ich hoffe es sehr:
Am Ende gewinnen wir doch.
Und das Braune wimmert so stolz und allein
dort, woher es einst kroch.

(Für Dieter, die alte Eule)

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