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Schlagwort: Kapitalismus

Zwei Fragen

Was ist Solidarität?

Warum gelingt es vielen Menschen in Deutschland nicht, sich mit geflüchteten Menschen zu solidarisieren?

Zwei schwierige Frage und wahrscheinlich wird dieser Text keine Antwort finden. Was man allerdings heutzutage tun kann, wenn man eine schwierige Frage zu beantworten hat, ist, Online zu gehen. Etwa auf Instagramm, auf Facebook, auf Snapchat, oder auf Schnapsat oder Google (ob sich das durchsetzen wird, weiß ich nicht). Oder eben auf Wikipedia. Dort steht allgemein unter dem Begriff Solidarität formuliert (etwas sperrig): „Solidarität bezeichnet eine, zumeist in einem ethisch-politischen Zusammenhang benannte Haltung der Verbundenheit mit – und Unterstützung von – Ideen, Aktivitäten und Zielen anderer. Sie drückt ferner den Zusammenhalt zwischen gleichgesinnten oder gleichgestellten Individuen und Gruppen und den Einsatz für gemeinsame Werte aus“

So weit so gut. Es geht also grob gedacht um die Verbundenheit mit den Ideen, Aktivitäten und Zielen anderer. Und weiterhin um den Zusammenhalt Gleichgesinnter. Um gemeinsame Werte. Und letztlich ist Solidarität im Kern ein ethischer Akt. Wodurch sich direkt die zweite Frage anschließt: Warum ist es in Deutschland nicht oder kaum möglich, einen ethischen Akt zu vollziehen, der eigentlich notwendig ist, den man vollziehen muss, würde man ganz unverstellt auf die Schicksale dieser Menschen blicken, die ihr ganzes Leben hinter sich gelassen haben? Würde man nachvollziehen können oder zumindest erahnen, was es bedeutet, vor Krieg, Hunger, existentieller Not oder einfach um ein besseres Leben zu führen, was ein legitimer Grund ist, zu fliehen. Würde man also ein Minimum an Empathie aufwenden, sich in die Lage des Anderen versetzen.

Warum gelingt jedoch diese Empathie so selten? Warum gelingt es so selten, existentielle Lebenssituation anderer und gerade von Flüchtlingen anzuerkennen? Es gibt viele Erklärungen. Aufkeimender, beziehungsweise verdeckt die ganze Zeit vorhandener Rechtsradikalismus ist eine und nachvollziehbar. Die grundlegende Blödheit des Deutschen eine andere und ebenso nachvollziehbar. Eine andere offensichtliche, aber auch schwierige (da ungenaue) Antwort ist das Verborgene im Hintergrund unserer Welt, der Kapitalismus. Immerhin ist dieser die Bühne auf dem sich unser Handeln vollzieht, ob wir wollen oder nicht und nur schwerlich lässt sich diese Bühne einfach verlassen. Stattdessen wirkt sie auf jede Szene ein, gestaltet diese unscheinbar, fast unsichtbar mit. Eben leicht übersehbar. Das wissen wir alle und gleichzeitig scheint dieses Wissen so sicher, so allumfassend, und man selbst so ohnmächtig diesem Wissen gegenüber, dass es banal wird, unzugänglich im Alltag, genau in den Situationen, wo wir Entscheidungen treffen müssen, bspw. ob wir Empathie aufbringen, ob wir uns solidarisieren, uns auf den anderen einlassen, wo es notwendig wird, ethisch zu handeln.

Empathie ist kein Begriff in der kapitalistischen Ideologie, in der alles auf Gegensätzlichkeit, auf Feindschaft und wenn nicht auf Feindschaft, dann zumindest auf Konkurrenz beruht. Und gleichzeitig ist am Kapitalismus bemerkenswert, dass sich der Mensch damit ein System geschaffen hat, das ihn selbst be- und schließlich, auf Dauer, entwertet. Dafür ist nichts weiter notwendig, als den allgegenwärtigen Regeln zu folgen, eine Ideologie der Ungleichwertigkeit zu leben, hinzunehmen. Es geht ganz leicht. Automatisch. Und Empathie – als Grundlage von Solidarität und letztlich Ethik – wird zu einer Randempfindung. Abgenutzt. Letztlich zu langsam und verzichtbar.

Das Ergebnis dieses Prozesses ist eine Denkfigur, die man im Alltag nur allzu gut kennt: Die Idee vom abstrakten Menschen. Das ist eine Denkfigur, die ganz ohne Zutun oder Böswilligkeit funktioniert. Sie funktioniert wie geschmiert. Diese Denkfigur hat den Menschen bereits überflüssig gemacht, des empfindende, denkende Individuum. In dieser Denkfigur ist der Andere kein echtes Wesen, kein Wesen wie man selbst, kein Bezugspunkt, er ist eine Zahl, eine Eins, eine Null, vielleicht auch mal eine Zehn in sexistischen Kontexten. Eine Reduktion aus Verwertbarkeit und einfacher Genießbarkeit. Natürlich nicht jeder Mensch. Man erhält sich einen kleinen Kreis an echten Menschen, bestehend aus Familie, Freunden, losen Bekannten. Der Rest ist Legion, im Überfluss vorhanden, nicht erfassbar, nicht erfahrbar, irgendwie unwichtig, und doch wichtig, leicht übersehbar. Und hier macht das Zitat von Zygmunt Baumann Sinn, wenn er sagt: „Die Bereitschaft zur Grausamkeit steigt, je größer die Distanz zum mutmaßlichen Opfer empfunden wird.“ So lässt sich vielleicht erklären, dass Flüchtlinge mittlerweile Verhandlungsmasse in diplomatischen Ränkespielen geworden sind. Vielleicht.

Natürlich gibt es weitere Gründe dafür, dass Solidarität in Deutschland nicht so richtig gelingen will, die in diesem Text nicht vorkommen und nicht vorkommen können. Verborgen im Hintergrund schreit und greint sie jedoch, die Ideologie der Ungleichwertigkeit und ruft dem Europäer zu, du bist die Elite, du bist der Wohlstand, sei stolz darauf (vom Raub und Mord, der diesen Wohlstand ermöglicht hat, erzählt diese Stimme nichts). Lass das Fremde, das Arme nicht zu dir herein, lass dir nichts wegnehmen. Lass die Nichtse, nicht von deinem Teller naschen. Die Nichtse, die Eduardo Galeano so beschreibt:

Die Kinder von niemand, die Besitzer von nichts,
die Nichtse, die Niemande,
die Verachteten, die hinterher rennen,
im Leben sterbend,
beschissen, voll geschissen:
die nichts sind und die nichts werden.

Das ist wohl das wahre Europa, erfüllt vor Angst, Angst vor den Armen da draußen, vor dem Rest der Welt, Angst davor, Privilegien und Kapital zu verlieren, Macht und Einfluss und letztlich aber Menschlichkeit.

Diese Denkfigur des abstrakten Menschen ist maximal eine Erklärung, eine dürftige, ein Erahnen von irgendwas Größerem. Und dennoch ist sie keine Ausrede, denn es gilt, sich immer wieder gegen diesen scheinbaren Kulturautomatismus zu entscheiden, zu sagen: Nein, der andere ist keine Zahl, er ist keine Hülle, keine Kategorie. Er ist gleichwertig zu mir. Es gilt eine Idee der Menschheit zu leben, die da heißen kann, wir sind alle vernunftbegabt, die da heißen kann, wir sind alle aufeinander angewiesen, die da heißen kann, nur durch den Menschen, wird der Mensch, die da heißen kann, nur durch den Anderen werde ich ich und bin ich geworden.

Und so sind Begegnung, Dialog und Kooperation die Waffen gegen Empathielosigkeit und das Denken vom abstrakten Menschen. Es sind die schwächsten und stärksten Waffen zugleich. Die schwächsten, da ihre Wirkung nur selten unmittelbar wahrnehmbar ist und die stärksten, da die Welt durch diese dauerhaft zum Guten hin verändert wird. Wenn man so will handelt es sich dabei um humanistische Zeitbomben, die niemanden verletzen, verstümmeln oder zerreißen, sondern Felder der Macht aufsprengen, Räume öffnen, in denen neue Möglichkeiten realisiert werden können, die Verstehen und damit Verständigung erwirken, wo man nicht dieselbe Sprache zu sprechen scheint.

Der massive Einsatz dieser Waffen wäre wünschenswert. Durch ethische Akte. Durch Empathie (und daraus folgend Mitgefühl) im Persönlichen. Durch Solidarität mit den Schwächeren im Politischen. Jedoch nicht, weil wir gleich oder gleichgesinnt sind, sondern weil wir gleichwertig sind. Und weil wir eine wichtige Idee vom anderen haben, der ich sein könnte, der eine Möglichkeit meines Lebens darstellt, ohne den ich nicht denkbar bin.

 

 

 

 

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Über: Die Zukunft

Es gibt mittlerweile amerikanische 3D-Drucker, die Pizza ausdrucken können und das passiert nicht so, wie man sich das natürlicherweise vorstellt: Das Bild einer Pizza auf Papier und einige Probanden, die dieses Produkt verköstigen und sagen „hm, da schmecke ich Kariertes“ oder „hui, ein Schuss Liniertes ist auch dabei“ oder „Butterbrotpapier, eindeutig!“ und man ist froh darüber, dem Fortschritt gedient zu haben. So nicht, nein, nein. Die Pizza ist tatsächlich echt und essbar und sieht aus, wie Pizza normalerweise nicht aussieht, also eckig, der Käse ähnelt Zahnpasta (wahrscheinlich Colgate, könnte aber auch Aronal, Elmex, Blendamed oder Sensodyne oder Sensident oder Odolmed 3, Blendax, Blenda-A-Med, Blend-A-dent, Dentagard, Dr. Best, Ajona oder Perlodont oder Paradontax oder Perlweiss oder Putzi [Zahncreme für Kinder: Gegen Zahnschmutzi], Theramed oder Rot-Weiss oder Silca oder Swissdent sein), die Tometansoße zähflüssig wie Sirup und Belag fehlt grundsätzlich. Eine Pizza also, wie sie Giovanni, der Pizzabäcker, der im Kabel 1 Format “Abenteuer Leben” die unzähligen Vergleiche von frisch gebackener mit tiefgekühlter Pizza durchführt und immer wieder sagt: “Bah, das isse keine Pizza!”, nicht für gut befinden würde. Laut Kabel-1-Redakteuren besteht das Abenteuer Leben darin, Gerichte möglichst in XXL-Größe herzustellen, auch wenn sich dies nur äußerst schwierig gestalten lässt und man bspw. in einer sehr aufwändigen Prozedur – unter Zuhilfenahme von 12 raubeinigen, aber liebenswerten Chaoten – eine gewaltige gußeiserne Pfanne schmieden muss, in der dann auch eine Riesenwurst – die von einem grobschlächtigen, sympathischen Metzgermeister sorgfältig zusammengebatscht wurde – Platz finden kann, obwohl es sich bei diesem Unterfangen nüchtern betrachtet – im Gegensatz zum üblicherweise volltrunkenen, verlodderten aber goldherzigen Kabel 1-Zuschauer – um hirnschmelzenden Unsinn handelt, den ein Zuschauer, dessen Hirn gerade nicht schmilzt – niemals sehen möchte – ehrlich wahr. Falls es ein Abenteuer sein sollte, eine Riesenbratwurst zu braten, hat die Literatur diesen Begriff seit Jahrhunderten falsch verstanden und wir haben aus mangelnder Weisheit und aus mangelndem Wissen heraus übersehen, dass Robinson Crusoe natürlich auf einer riesigen Scheibe Bierschinken gestrandet ist, sich König Arthus mit Rittern der Tafelschokolade umgab und es sich bei den Schriften von Mark Twain um die Abenteuer von Tom Soda und Hackbrötchen Finn handelt.

Zum Glück ist jedoch vor kurzem der Deutsche Meister im Stadt, Land, Fluss gekürt worden – von Kai Pflaume, wem sonst? Kai Pflaume ist der einzige deutsche Moderator, dem es routiniert gelingt, einem langweiligen Thema ein frisches Pfund Langeweile oben draufzupacken und dabei gelegentlich noch verkappte, von zahmer Altersgeilheit beseelte, wahrscheinlich charmant gemeinte aber doch nur auf hübsche Titten abzielende Komplimente an die Frau zu bringen. Zudem ist er der einzige TV-Mensch (das Mensch muss man betonen, sonst wird es vergessen), der gequält lächeln kann, ohne es wirklich so zu meinen. Unverzichtbare Qualität im deutschen Fernsehen. Jedenfalls gibt es jetzt endlich einen deutschen Meister im Stadt, Land, Fluss und wenn man schon dabei war, hat man einfach auch noch den deutschen Meister im “Vorschlaghammer an den Kopf halten” ausraumbolt und damit den jahrzentelangen Vorschlaghammerstreit in Deutschland endgültig beendet. Ein Herzliches Beileid geht daher an die Vorschlaghammerbrüder in Eisenach, die bereits seit 20 Jahren Vorschlaghämmer an ihre Birnen halten und trotz dieser großen Tradition – dem Wahrzeichen von Eisenach – nicht einmal zur Meisterschaft eingeladen wurden. Vielleicht klappt es aber mit einem Titel in der zweiten, eisenachischen Paradedisziplin: Stumpfsinn! Toi, toi, toi!

Als Säugling weiß man – und das ist ein großer Vorteil – nur sehr wenig mit Vorschlaghämmern anzufangen und bleibt somit in den ersten Lebensjahren von den meisten Streitigkeiten des Erwachsenenlebens verschont. Man ist mit anderen Dingen beschäftigt. Basale Lebensplanung, Mordlustigkeit und lästigen Krähen die Augen auspicken. Ich frage mich manchmal, weshalb es so wenigen Säuglingen im späteren Leben gelingt, andere Menschen zu töten, obwohl es ihnen doch von Grund auf ein veritables Bedürfnis ist. Klar, es gibt Ausnahmetalente, aber nur nach entsprechender Vereinsförderung. Aber der Durchschnittsbürger? Der bringt es kaum auf eine angemessene Anzahl an Morden und nur die allerwenigsten schaffen den Sprung vom Killerbaby zum Killerbubi, ohne fremde Hilfe. Sträflich vernachlässigt wird etwa die öffentliche Betreuung zukünftiger Killer, vor allem in Kindergärten und Kitas. Stattdessen soll den Müttern die Erziehung zum Mörder nun wieder selbst in die Hände gelegt werden, was auf Dauer keine Lösung sein kann, denn seien wir mal ehrlich: Den meisten Müttern fehlt der Biss. Da wird höchstens mal der Ehemann vergiftet oder einer ehemals guten Freundin, mittlerweile Feindin, der Kopf abgetrennt, oder einer anderen Frau beim Shoppen im H&M der Arm abgebissen, wenn dieser sich zufällig in dieselbe Bluse verheddert hat. Wieso wird denn nicht mal ein Autor beseitigt, der offensichtlich klischierte Frauenwitzchen macht? Das wäre doch mal ein Anfang. Und dann weiter in die Führungsetagen der Republik. Aber nein, das bringen moderne Mütter nicht. Wie soll eine Gesellschaft funktionieren, in der keine Mörder herangezogen werden? Fragen, die sich die moderne Politik nicht stellen will.

Zur Not hat man ja immer noch den Kapitalismus. Der sagt ja unter anderem: Du darfst! Eigentlich sagt er auch: Du darfst nicht nur, wenn du kannst, du darfst vor allem wollen und das auch – oder ganz besonders – wenn du nicht kannst! Du darfst alles wollen, was du willst, das ist dein natürliches, unveräußerliches Recht. Du darfst so bleiben wie du bist: Ein Woller! Ein bedingungsloser Woller! Dementsprechend schief beäugt er einen, wenn man mal nichts will. Der moderne Kapitalismus sagt dann bspw.: Uncool! Schau dir mal dieses übersexualisierte 16-Jährige Mädchen an, willst du nicht auch so sein? Kauf dir Hotpants! Oder er sagt: Was sie dringend in ihrem Auto benötigen, ist eine Saftpresse, die ihren Namen kennt und ihnen die Füße massiert, während sie ihnen Kafkas Verwandlung (VW-Beetle-Version) vorliest. Ein indianisches Sprichwort beschreibt das Wesen des Kapitalismus ziemlich genau und zwar bezeichnet es diesen als einen Spiegel, der nicht so richtig funktioniert, da die Benutzung einerseits kostenpflichtig ist und in diesem kein Spiegelbild zu sehen ist, sondern 24 Stunden lang Werbung – auch regelmäßige Sonderangebote von Spiegeln bei Ikea. Zumindest ist der Kapitalismus ein guter Ersatz für eine fehlende Mörderförderung. Zwar tötet er nicht (jedenfalls eher selten im Westen), aber er macht arm – zumindest den Großteil – was man ja immerhin als sozialen Mord durchgehen lassen kann. Alles prima.

Wogegen der Kapitlismus allerdings wohl nichts machen kann, ist die Schwemme von 3,4 Millionen Autoren die über das Reisen mit der Bahn schreiben und dies auf offenen Lesebühnen oder in geschlossenen Anstalten vortragen. 3,4 Millionen! Das ist eine erschreckend hohe Zahl. Was ist los in der Sonderschule der Kleinkunstschriftstellerei? Wie kann man sich so eine umfassende Geschmacksverirrung erklären? Der unheimliche Einfluss der deutschen Bahn auf das Leben der Deutschen? Oder ist es vielmehr der unheimliche Einfluss der deutschen Bahn auf das Leben einiger Deutscher, die meinen, einer ihrer Vorfahren sei in Goethes Skrotum herangereift und wenn nicht das, dann zumindest in jemandes Skrotum, der Goethe immerhin verehrt und wahrscheinlich auch einmal gelesen hat. Sind es thematische Nöte, sind es Ideennöte, sind es zu hartgekochte Weichbirnen, die aufplatzen und neben Hirnresten einen neuen Bahntext offenbaren? Schön wärs, aber eigentlich weiß man es nicht genau.

Genau weiß man nur, dass in Zügen der ODEG und vor allem in deren Toiletten Knöpfe aus dem Raumschiff Orion installiert sind und der Bordcomputer minütlich darauf hinweist, dass die Toilette gerade besetzt ist, wenn sich jemand darin zum Urinieren oder Koten befindet. Das ist fast so beeindruckend wie 3D-Drucker, die viereckige Pizza drucken können. Wenn man diese jetzt auch noch in Zügen der ODEG ausdrucken könnte und der Bordcomputer einen guten Appetit wünschen würde, dann stünde einer großartigen Zukunft nichts mehr im Wege. Aber davon ist die Menschheit ja noch Lichtjahre entfernt.

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